Montag, 1. April 2013

Gefangen in Bulgarien (Teil 2)


Was bisher geschah: 

Während des Fluges nach Bulgarien, musste unser Flugzeug notlanden, in Belgrad. Alle Passagiere bekamen Panik und die..... -Spaaß! Halloo, es sollte nur ein Joke sein, keine Panik. Ich wollte euch nur testen, ob ihr auch alle den 1.Teil gelesen habt-  *g*

Also, weiter geht's:

Wir saßen nun also da im Auto, völlig sprachlos, als wären wir im falschen Film.

Der Zollbeamte sagte uns, daß wir umkehren und an der Straßenseite parken sollen. Nach einigen Diskussionen und Erklärungsversuchen  meines Vaters, kam man gemeinsam zu dem Entschluss , erstmal zu warten. Und zwar -das war die Theorie meines Vaters- auf den Besitzer des fremden Passes, das (wie auch immer) in unseren Besitz kam.
Denn man hatte nur eine Erklärung dafür: Die Pässe wurden bestimmt an der vorherigen Grenze zu Jugoslawien irgendwie versehentlich vertauscht. Somit hatten wir diesen Pass bekommen , und der andere Mann hatte unseren. Das hieße also, dass wir wohl zuerst  an die bulgarische Grenze angekommen waren, und da der Mann ja auch ein Türke war, musste er auch hier durch, früher oder später. Sonst wäre er derjenige, der dort schon längst auf uns warten würde.
Wir warteten also am Straßenrand, direkt am Zollgebäude , wo wir die ankommenden Personen sehen konnten. Mein Vater hielt den fremden Pass in seiner Hand, schaute ständig auf's Foto und auf jeden Mann, der dem Bild ähnelte. Er hoffte, ihn so direkt "auffangen" zu können.

Wir hofften, dass er so schnell wie möglich hier ankommen würde. Es könnte recht schnell passieren, es könnte aber auch noch stundenlang dauern, je nachdem, wie schnell er unterwegs war.

Es war noch am Vormittag, als wir zu warten begannen. Es wurde Mittag.... Nachmittag... 
Bei jeder Person, der dem Bild ähnelte sprang mein Vater auf und näherte sich ihm, wonach er aber wieder ganz schnell Abstand nahm, als es Fehlalarm war. Es waren sehr viel Fehlalarme an dem Tag. Unsere Hoffnung ließ von Stunde zu Stunde nach.
Bis irgendwann, in den frühen Abendstunden, ein Mann aus seinem Wagen ausstieg....mit besorgter Miene in Richtung Zollgebäude lief, direkt auf uns zu. Als er sich uns näherte und im Begriff war, vorbeizulaufen , hatte  ihn mein Vater schon längst im Visier. Er schaute auf's Foto...nochmal auf den Mann, dann nochmal auf's Foto und schrie:" Das ist er!! Er ist da" Endlich, endlich!! " 

Und bevor der Mann wusste wie ihm geschah, war mein Vater  ihm schon um den Hals gesprungen, umarmte und drückte ihn, wie ein Klammeraffe , während er Worte wie : " Kardesimmm!! Mein Bruder! Da bist du ja endlich, wir haben schon den ganzen Tag auf dich gewartet! Allaha sükür! Allah  sei Dank!" stammelte. Zwischendurch küsste er ihn auf beiden Wangen (wie man das bei uns halt tut, bei einer freudigen Begegnung). Er war der festen Überzeugung, diese Freude beruhte sich in den nächsten Sekunden auf Gegenseitigkeit, denn mein Vater dachte, der Mann weiß noch nichts von seinem Glück. WIR waren es doch! Die Eigentümer des Passes den er in den Händen hielt!

Er war so geblendet von der Freude, dass er im ersten Moment gar nicht mitbekam, was der Mann stammelte. Nämlich so Sätze wie: "Äh..bidakka...moment...ich glaube, sie verwechs....was zum Teufel....moment mal...!"

Als mein Vater aus dem 'Trancezustand' erwachte und somit auch sein Teletubbie-Syndrom nachließ, ließ er auch endlich den armen Mann los, der völlig verstört das Weite suchte. 
Er war es nicht. Er ähnelte der Person auf dem Foto wirklich wie sein Zwillingsbruder, aber er war es nun mal nicht.
Mein Bruder und ich lagen vor Lachen am Boden und grölten. Meine Mutter versuchte, sich das Lachen zu verkneifen. Denn mein Vater hatte sich nicht nur lächerlich gemacht, er war auch bitter enttäuscht und wäre von unserer Heiterkeit wohl weniger 'amused'. Mitgefühl zeigen war u.a. auch aus diesem Aspekt von Vorteil. Mein Vater konnte nämlich sehr ungenießbar sein, wenn er sich zum Affen machte.

Als es schon dunkel wurde und spät genug, dass alle Hoffnungen starben, dem Mann hier noch zu begegnen,  gaben wir auf. Die Zollbeamten sagten uns, wir sollen zurück nach Belgrad fahren , zum türkischen Konsulat und uns dort eine vorübergehende Erlaubnis für die Durchfahrt geben lassen.
Was anderes blieb uns ja nicht übrig und wir machten uns auf den Weg. 
Zurück nach Belgrad. 
Ca. 350 km.

An dem Abend dachten wir, dass mein Vater heute seinen eigenen Fluch-Rekord gebrochen hätte. Doch wir sollten uns täuschen.

Am nächsten morgen, fast noch in der Nacht, in Belgrad angekommen...nach langem Suchen -damals gab es ja noch keine Navis...leider- parkten wir in der nähe des Gebäudes und warteten.
In ein paar Stunden sollten sie öffnen.


Aber es war auffallend leer auf  den Straßen. Als sich um 8:00 Uhr immer noch nichts regte und das Konsulat nicht zu öffnen schien, hielten wir Ausschau auf irgendeinen Menschen, den wir fragen konnten.
Als wir endlich jemanden fanden, konnten wir uns mit Händen und Füßen und "internationaler" Zeichensprache halbwegs verständigen. Das, was wir erfuhren, gab uns den nächsten Hieb in die Magengrube:

Ausgerechnet dieser Tag, war ein nationaler Feiertag dort und alles hatte geschlossen. Man sagte uns, dass wir bis zum nächsten Tag warten müssten.

Mein Vater begab sich sofort in die 'Aufwärmphase' seiner Flüche. Sie begannen mit der Anatomie eines Menschen, die sich zunächst auf die äußeren Geschlechtsorgane konzentrierte. In der 'Trainingsphase' kamen dann  die inneren Geschlechtsorgane zum  Ausdruck.
Das ganze wurde dann mit der 'Dehnungsphase'  geschmacklos und vulgär abgerundet.

Diesmal gab er sich ganz besonders viel Mühe und alle Mitarbeiter, samt Generalkonsul, alle Zollbeamten, alle jugoslawischen und  bulgarischen Mitbürger -ach was sag ich- das ganze Land wurde von ihm...äh...erwähnt.

Nun, um es mal kurz zu fassen, bekamen wir nach den längsten 24 Stunden unseres Lebens, am nächsten Tag unsere vorübergehende Durchreisegenehmigung, fuhren wieder zur bulgarischen Grenze und durften diesmal -Halleluja!!- durchfahren.

Nach einigen Wochen, in  Deutschland wieder angekommen, ging mein Vater sofort zur Ausländerbehörde und gab den fremden Pass  dort ab. Der Beamte sprang sofort auf, griff in die Schublade und überreichte ihm -sichtlich bedrückt- den Pass meines Bruders. Er entschuldigte sich mehrmals und erklärte ihm, dass er damals versehentlich die Pässe vertauscht habe. Möglicher Grund: Beide Nachnamen hatten 8 Buchstaben und die ersten 4 Buchstaben waren identisch. Sogar die letzten 4 Buchstaben sahen sich ähnlich, sodass die Namen auf den ersten Blick fast gleich aussahen. 

DAS war also der Grund für diesen ganzen Schlamassel.
Mit einem fremden Pass sind wir also locker mal eben durch 3 Länder gefahren und über 2 Grenzübergänge gekommen. Unfassbar!

Natürlich wurde später auch dieser Beamte von meinem Vater "liebevoll" in seinem Fluchritual 'gehuldigt'.




Und die Moral von der Geschicht?

a.) Traue niemals einem Beamten nicht

b.) Hätte noch schlimmer kommen können. Seid froh, dass ihr nicht in die USA geflogen seid, mit dem Pass.

c.) Beides

d.) Nichts davon

e.) Ich schreib gleich meinen eigenen Kommentar dazu

f.) Ich bin nur stiller Leser und denk mir - wie immer-  meinen Teil dazu

g.)Häh??  Ich hatte nur "bulgarische Rezepte mit Sardellen" eingegeben bei google. Wo bin ich denn hier gelandet? Nix wie raus hier!




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Kommentare:

  1. e :-)
    Ein schlimmes Erlebnis, aber so schön erzählt, dass ich jetzt grinsen muss ;-)
    Einen schönen Feiertag!

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  2. Ein Alptraum, Dein armer Vater. Da kam ja wirklich alles zusammen.

    LG

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  3. Oh Mann, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das wohl war... Weia! Ich hab' ja auch einige Geschichten von früher noch (frag mal Frau Currywurst -- liest Du bei Frau Currywurst? Wenn nicht, dann frag halt Pieps..., die kann Dir sicher auch so einiges erzählen...).

    Mensch. Du, übrigens, ich find's so klass', wie Du schreibst, macht viel Freude, hier zu lesen. Und ich mag, wie Du über Deine Eltern schreibst, sehr viel Wärme und Liebe schwingt da mit.

    So long,
    Corinna

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  4. c&e
    Krasse Geschichte, sehr schön erzählt...könnte glatt verfilmt werden ;-)

    Liebste Grüße!

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  5. Ich hab vollstes Verständnis für deinen Papa. Und würd ihn echt gern mal fluchen hören. Wahrscheinlich ist das immer so, während die Erwachsenen schon drei Mal die Nerven verloren haben, ists für Kinder noch immer ein Abenteuer. Kann man noch froh sein, dass sie deinen Vater nicht dabehalten haben, weil er ein fremdes Kind durchs Land schmuggeln wollte oder so...
    Bürokratie...

    Liebe Grüße
    N.

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  6. f)... und c)

    Ich habe auch Verständnis für Flüche Deines Vaters.
    Das muss ja eine Tortur gewesen sein - noch ein Tag länger im Auto wohnen.
    Uääähhh.
    Lieben Gruß, vany

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  7. hehee ich würde sagen "Vertrauen ist gut Kontrolle ist besser!" Guck immer in die Dinge rein die du bekommst.
    Und sag niemals nie! Es kann jederzeit jedes passieren.
    Ach wie schön...
    So nachhinein ist es ja nun eine echt lustige Geschichte.
    Ich wär aber nicht gerne bei der Reise dabei gewesen!
    Liebste Grüße,
    Dilek

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  8. Ich sag es ja immer, Fluchen macht das Leben aushaltbar. Verd.....te S.....e.
    Britta
    (Lavendelkinder)

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  9. Wirklich filmreif Euer Erlebnis! Noch ein paar Schnörkel zur Handlung... hochschwangere Frau, bekommt am bulgarischen Feiertag ihr Kind, Kind dadurch staatenlos. Den Rest denkt sich Hollywood aus.
    Filinchen

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  10. Oh ja, gefangen wegen eines Reisepasses. Das kenne ich nur zu gut. Wer ein wenig Zeit zum lesen hat, der schaue sich gern hier mein Erlebnis als Deutscher in Russland an. Mich gruselt es noch heute, wenn ich "STOI!" höre. Hätte ich damals allerdings bei den Kontrollen geflucht, wäre es mir sehr sehr schlecht ergangen. ;-)

    http://www.tagesblog.de/index.php?itemid=4105

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  11. Unfassbare Geschichte. Aber für den Leser durchaus unterhaltsam. Die Steigerung der Flüche ... :-)
    Beste Grüße von Nina

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  12. Oh man, da habt ihr ja was mitgemacht! Schröckelich!
    Schön, dass ihr heute drüber lachen könnt. Danke, dass du uns diese Geschichte erzählt hast. Das ist ein Stück jüngster Europageschichte, wie sie nicht verloren gehen sollte. Ich finde das immer wieder spannend.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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  13. Habe jetzt erst wieder Zeit...Vielen lieben Dank an alle für's Durchlesen und für die Kommentare!

    Cekado, ich werde die Geschichte jetzt sofort lesen. Bin mal gespannt, was DU so erlebt hast.

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  14. Ayşeeemmmm....
    wo bist Du?
    Alles gut mu?
    Bist ja so still!
    Wo find ich Dich!
    Liebste Grüsse
    Dilek

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    1. Alles gut Dilek'cim, danke der Nachfrage!

      Manchmal hab ich einfach keine Zeit für's bloggen. Aber ab heute geht's wieder weiter. Muss gleich mal das Video der Woche posten, bis daa-haan!:) Ganz liebe Grüße.

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  15. You made my day! *Tränen aus den Augenwischentu* Zu köstlich, als wäre man selbst dabei gewesen!! Bitte mehr! Herzlichst C.

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  16. Jesses Marie, was für eine Story. Für den Lesenden recht amüsant, für euch damals eine Katastrophe. Wie gut, dass dein Vater keinen Herzinfarkt bekommen hat, denn vor dem stand er wohl ziemlich kurz *ggg*

    Nehme Antwort b, wobei mir die letzte auch sehr gut gefällt *gröööhl*

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