Sonntag, 31. März 2013

Gefangen in Bulgarien (Teil 1)


Früher, als es noch das alte Jugoslawien gab, sind wir immer mit dem Auto in die Türkei gefahren.
Es war jedesmal ein Abenteuer. 2-3 Tage waren wir unterwegs, es war sehr anstrengend, aber unsere Freude und Euphorie  half uns, diesen Stress  durchzustehen.

Es gibt so viele Erinnerungen an unsere Fahrten in die Heimat. Aber eine Geschichte gibt es, die wir bis heute nie vergessen haben. Mein Vater spricht manchmal immer noch davon und wir müssen wieder darüber schmunzeln.  Sie war so entsetzlich, erstaunlich  und lustig zugleich. Ich würde es nicht glauben können, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte.

Es war Anfang der 80'er, ich war ungefähr 13-14 Jahre alt.


Da war er wieder...der letzte Tag vor den Sommerferien, der Tag an dem wir wieder in die Türkei fahren würden, in unsere Heimat, zu unseren Großeltern, Verwandten und Freunden.  Die Freude und Aufregung war jedesmal unbeschreiblich schön.

Alles war schon vorbereitet, der Wagen wie immer vollgeladen bis in die kleinsten Ecken, mit unseren Sachen, Geschenken für die Verwandten und viel Essen und Trinken für die Reise.

Nur noch eins war zu erledigen. Mein Vater musste zum Rathaus, zur Ausländerbehörde, und unsere (Reise-)Pässe abholen. Ein paar Wochen zuvor hatte er sie dort abgegeben, wegen der Verlängerung unserer Aufenthaltserlaubnisse.
Als mein Vater endlich da war mit unseren Pässen, konnte es endlich losgehen. In dem Moment konnte keiner von uns ahnen, das das ganze Desaster mit einem dieser Pässe seinen Lauf nahm, den mein Vater in den Händen hielt. Aber dazu  viel später...

Wir fuhren los, 5 Personen. Vorne unsere Eltern, hinten ich und meine beiden älteren Brüder. Wie in einer Sardellendose. 
Nach etlichen Stunden kamen wir an der deutsch-österreichischen Grenze an. Nachdem die Pässe kontrolliert wurden, fuhren wir durch, bis zur nächsten Grenze, und zwar die zu Jugoslawien. Wieder wurden die Pässe kontrolliert und uns wieder ausgehändigt und wir konnten durchfahren. 
Manche Zollbeamte waren da sehr kleinlich und manche überflogen die Ausweise nur flüchtig, oder manche schauten gar nicht nach und machten nur ein Handzeichen , dass wir durchfahren sollten. Das freute uns dann natürlich ganz besonders, weil es dann schnell ging und wir nicht warten mussten.
Diese Grenzübergänge, die Kontrollen und diese manchmal extrem langen Wartezeiten waren das Schlimmste an der ganzen Fahrt.

Und nichts war schlimmer als die Grenze zu Bulgarien! Davor hatten wir immer ein wenig Angst. Denn die Bulgaren waren sehr unfreundlich und machten es einem immer sehr schwer. Meistens mussten wir alle aus dem Wagen aussteigen, sie schauten in alle Ecken. Mein Vater musste manchmal sogar den  ganzen Wagen entladen,  das einpacken war jedesmal eine Quälerei. Der reinste Psychoterror. Es war jedesmal ein seelischer und körperlicher Stress bei den Bulgaren. Wir haben es gehasst! Sie redeten meinen Vater meist mit Komsu  (Komschu) an, das heißt Nachbar. Tut man so etwas seinem Nachbarn an? Pfff...



Nun waren wir also dort angekommen. Wir wünschten uns innerlich immer, da schnell durchfahren zu können und am liebsten so schnell wie möglich raus aus dem Land. Die Durchfahrt bis an die türkische Grenze dauerte ca. 5-6 Stunden.

An der Passkontrolle angehalten, überreichte mein Vater durch das Fenster unsere Pässe.
Der Beamte mit dem Jokerface fing an, sie durchzublättern und genauestens zu inspizieren (wie immer).
Er hatte den Pass meines Vaters in der Hand, durchblätterte ihn, sah auf das Foto...sah meinen Vater an...und legte es beiseite.

Das gleiche mit meiner Mutter. Er schaute auf das Foto....schaute meine Mutter an.... und legte ihren Pass beiseite.

Mein älterer Bruder wurde auch angeguckt...und sein Pass beiseite gelegt.
Er schaute mein Foto an...dann mich an.... und fertig.

Wir konnten alle unsere Herzschläge hören. Die Anspannung war jedesmal nicht auszuhalten. Wir beteten, dass es schnell vorbeiging und wir durchfahren konnten, ohne dass wir alle aussteigen mussten.

Als letzter war der Pass von meinem ältesten Bruder (der damals noch lebte) an der Reihe.
Der Beamte nahm ihn, schaute auf das Foto... dann auf meinen Bruder.... Ups!... dann nochmal auf's Foto....und auf meinen Bruder, und zwar ganz genau......o-oh...er blinzelte leicht... dann hielt er den Pass zu uns hoch  und stellte die niederschmetternde Frage:

"WER IST DAS, Komschu??!"

Wie saßen alle da, mit einem versteinertem Gesicht, völlig geschockt. Eins war sicher, das war ein wildfremder Mann da auf dem Foto und der Pass gehörte definitiv nicht zu uns!

Aber wer war dieser Mann?
Warum und woher hatten wir plötzlich seinen Pass?
Und wo war der Pass von meinem Bruder?
Wie (und vor allem wann) sollten wir es schaffen, hier wieder durchfahren zu können?

Fragen über Fragen....

Schalten sie auch das nächste mal wieder ein, wenn sie meinen Vater sagen hören:

"Nerden cikti bu *piiiiiiiieeeep!* Pasaportu ya??? Ne *piiieeeeeeep!* is  len bu?? Ben böyle isin  taa *pieeeeep piieeeeeeeeepp!!!* " (Sorry, aber das Fluchrepertoire meines Vaters war noch nie jugendfrei)


Kommentare:

  1. Hülfe - ein Cliffhanger..... ;-)

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    1. Jep...musste sein, sonst wäre der Text viiiel zu lang gewesen..und das wollte ich Euch (diesmal) nicht antun:)

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  2. Eine deutsche Behörde vertauscht einen Pass? Undenkbar! :D

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  3. Auch Du Scheixxe! Bitte lass uns nicht zu lange warten mit der Fortsetzung!

    Ich hab' noch einige Erinnerungen an die Grenzkontrollen an der west-ostdeutschen Grenze, wenn wir nach Berlin gefahren sind -- da saßen wir auch die Ölsardinen hinten zu dritt aufgefädelt, und meine älteste Schwester genoss nichts mehr, als mir einzureden, dass die Grenzposten mich sicher sofort einkassieren und in ein ostdeutschen Waisenhaus stecken würden, wenn sie mein Spielzeuggewehr finden würden, das unter einer Decke versteckt lag... Mann, habe ich damals Ängste ausgestanden. Aber auch ohne Spielzeuggewehr hatte die Grenze immer etwas bedrohliches.

    Übrigens das Fasten ist bei uns sicher nichts im Vergleich zum Ramadan. Ganz früher, also ganz, ganz früher war es ein Verzicht auf alle tierischen Nahrungsmittel, heute dagegen ist es -- wenn man die Fastenzeit überhaupt beachtet (ich habe es überhaupt das erste Mal gemacht) -- eher individuell und oft auch gar nicht spirituell, sondern eher ein willkommener Anlass, wieder das rechte Maß zu finden. Erstaunlicherweise sind mir übrigens die Sachen, die ich gefastet habe, gar nicht mal so schwer gefallen, wie ich gedacht hätte, ;-).

    Dir wünsche ich noch ein schönes Restwochenende!

    So long,
    Corinna

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  4. Na ich hoffe wir müssen jetzt nicht all zu lange auf die Fortsetzung warten.
    Ich bin übrigens sehr interessiert an Deines Vaters Fluch Wortschatz. Du kannst ja dafür eine "ab 18" Sparte öffnen! :)

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  5. oh Mann! Ich brauch die Fortsetzung!

    Ich fand die Grenzkontrollen auch immer aufregend.... meinen Vater haben sie gern mal mitgenommen, weil er wie ein Hippi aussah (hihihihi)... aber wirklich was passiert ist nie.

    Sehr spannend, Ayse, warte bitte nicht so lange mit dem weiter Erzählen.

    Lieben Gruß, vany

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