Samstag, 12. Januar 2013

Dort, wo die Blumen blüh'n....



Diese Bilder hab ich im letzten Sommer gemacht.
Und die Geschichte dazu, erzähle ich euch jetzt.

Vielleicht gibt es ja unter euch auch den einen oder anderen, der manchmal an das Haus denken muß, in dem er aufgewachsen ist und dort seine Kindheit verbracht hat...und manchmal das Bedürfnis hat, es nochmal zu sehen.

Mir ging es seit langen Jahren so. Merkwürdigerweise kam es mittlerweile schon vor, dass ich davon träumte. Ich ging in meinen Träumen durch die Wohnung, sah mir die einzelnen Zimmer an. Manchmal sah ich mich als Kind dort leben, alles war wie früher... ich schaute aus dem Fenster, ging die Treppe herunter, lief um das Haus , sah unsere damaligen Nachbarn, sprach mit ihnen, usw.

Immer größer wurde mein Bedürfnis, das Haus meiner Kindheit und (zu kurzen) Jugend wiederzusehen, aus der Nähe zu betrachten. Am liebsten wäre ich durch die Wohnung gegangen,  hätte unsere Räume gesehen, unser damaliges Zuhause. Wie sie wohl jetzt ausehen würden?

Ich malte mir aus, wie ich dort anklingele, die neuen Bewohner mein Anliegen erzähle und von meinen Träumen... und freundlich darum bitte, nur ganz kurz die Wohnung sehen zu dürfen...was ich natürlich NIEMALS in Wirklichkeit machen würde. Ich würde mich gar nicht trauen. Was würden denn die Menschen denken ? Kann ja jeder kommen.

-tach..also ..äh.. ich hab mal als Kind hier gewohnt und würde die Wohnung bitte nochmal sehen, darf ich? *mittränenindenaugen*

Sowas macht man doch nicht, neee... Auch wenn ich dürfte, würde ich nicht, weil ich dabei unbedingt allein sein wollen würde. Ich würde nämlich Rotz und Wasser heulen...

Na ja... es überkam mich eines Tages im letzten August und ich machte mich also auf den Weg dorthin. Ist ja seit ein paar Jahren ganz in der Nähe von meiner jetzigen Wohnung.

Dort angekommen sah ich erstmal ein Weilchen auf das Haus... mir wurde schon ganz komisch, musste ständig schlucken, ich hatte wieder so einen blöden Kloß im Hals... (ich hatte mich schon vorbereitet mit Taschentüchern)



Da stand es nun vor mir... 

Ich ging langsam und zurückhaltend in Richtung zu "unserer" Haustür. Plötzlich war ich wieder das kleine Mädchen, mit der Schultasche am Rücken, die sich freute wieder nach Hause zu kommen, und auf das leckere Essen ihrer Mutter...
Es war mir aber auch ziemlich unangenehm dabei. Ich hatte Angst, dass sich die Bewohner gestört fühlen würden, mich evtl. hinter dem Fenster beobachten und sich fragen: "Wer ist denn das? Was will die hier? Sucht die was? warum starrt sie so auf unser Haus?"

Ich ging durch...



...und kam an der Haustür an. Besser gesagt, was davon übrig blieb.  Hier war mal unsere Haustür. Jetzt wurde sie dicht gemacht (das ganze Haus wurde wohl gekauft von einer Familie)  und man benutzte den anderen Hauseingang, der früher zu der Nachbarin unter uns gehörte, unserer "Omma Strempel" (die ich schon mal in diesem Posting erwähnte: "Hallo Nachbar!" )

Ich schaute eine Weile auf die Tür. Ich sah mich als 17 jährige Braut aus dieser Tür rausgehen, im Arm ihres Vaters.... ich hörte die ganzen Stimmen in meinem Kopf.... die Stimmen meiner Eltern,  meiner Brüder...Stimmen aus meiner Kindheit und Jugend... und plötzlich überkam es mich. Ich wusste dass das passieren würde, ich wusste es...

Die Taschentücher kamen jetzt zum Einsatz...

Die Bewohner des Hauses schienen nicht Zuhause zu sein, was mich sehr erleichterte.
Aber während ich meine Augen wischte und rumschnäuzte, hörte ich hinter mir Stimmen. Es waren wohl die Nachbarn, die ich natürlich auch nicht kannte. Denn ich hörte wie sie türkisch sprachen:

"Ob sie wohl nach jemanden guckt? Ob sie was sucht? Oh...! schau mal sie weint ja... ooooooch.... sie weint....."



So ein Zufall. Es war ein türkisches Ehepaar und sie waren grad total verwirrt, warum da jetzt diese Frau stand, das Haus beobachtete und dabei weinte. Verständlich...

Ich drehte mich zu Ihnen und entschuldigte mich zuerst für mein Auftreten. Dann erzählte ich ihnen, warum ich hier war. Davon, dass ich hier bis 1984, 15 Jahre lang gelebt hatte  mit meiner Familie und ich unbedingt das Haus nochmal aus der Nähe betrachten wollte und warum, wieso, etc.
Wir kamen ins Gespräch. Unter Türken fällt sowas meistens total leicht, man hat keine Hemmungen, ist immer sofort herzlich. Sie hatten großes Verständnis dafür, erzählten mir ein wenig von sich, wann sie hierhingezogen seien, seit wann "unser" Haus neue Besitzer hat, usw.
Sie luden mich ein in die Wohnung, baten mir Tee an, ich solle doch bitte eintreten, was ich freundlich abschlug (so weit musses  ja dann doch nicht kommen). 
Aber das war wieder mal so typisch für uns.... *g*


Ich verabschiedete mich von dem netten Ehepaar und ging den Weg wieder zurück zur Straße...


...und schaute mir die alte Gegend nochmal an...
...die Kirche gegenüber war geschrumpft, alles war geschrumpft! Sie war doch so ein Kolloss in meiner Kindheit, ich schwör!....tsss...


Es gab in der Nähe eine Grundstück, ein Feld, auf dem  immer die schönsten und buntesten Blumen blühten. Davon war natürlich kaum was übrig geblieben, aber ein klitzekleines Stück gab es noch...und einige Blumen (siehe erstes Foto oben). Davon hatten wir (meine Freundin und ich) als Kind immer welche gepflückt (damals durfte man das noch) und am Straßenrand ein paar kleine Sträuße verkauft, für 20 Pfennig das Stück. Wenn wir Glück hatten  kauften es uns welche ab, und mit dem Geld liefen wir dann sofort begeistert zu unserer "Bude" und kauften uns "Mini Milk" oder Esspapier u.ä.
Und DIESE "Bude" gibt es immernoch! Unglaublich...


Dann ging ich auf dem Rückweg an "meiner" Konditorei von damals vorbei, wo es diese wunderbaren Mohrenköpfe gab, wovon ich schon mal hier davon erzählt habe: Mohrenköpfe...oder die längst verlorene Kindheit.

Ja ja.. wie ich es da auch schon erwähnte, war es jetzt ein Restpostenladen. *seufz*



Das Haus habe ich nicht von innen sehen können, aber es hat wohl gereicht.

Ich habe seitdem aufgehört davon zu träumen....

Kommentare:

  1. Das hast du richtig gemacht - und schön beschrieben..
    Mir ging es mit dem Haus so, in dem meine Oma gewohnt hat. Ich habe ganz ganz oft davon geträumt, auch, dass sie da noch leben würde und man mich angelogen hätte (dabei war ich doch da, als sie starb..).. dann bin ich mit meiner Tochter in die Stadt gefahren, in der sie gelebt hatte und in der ich so viele Jahre glücklich war, wir haben das Haus von außen angesehen, den Garten, die Nachbarhäuser, ich habe ihr alles gezeigt.. seitdem ist es gut. Auch ich habe seither nicht wieder diese Träume gehabt.
    Schon merkwürdig, unser Unterbewusstsein, oder?

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    1. Aber echt jetzt.
      Ich fand's auch sehr merkwürdig, dass es danach aufhörte. Das Unterbewusstsein ist wirklich faszinierend.

      Deine Geschichte hört sich für mich auch so ähnlich an. Rührend... kann ich so gut nachvollziehen.

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  2. So ähnlich ging es mir auch mal... also jetzt ohne Tränen, aber mit dem Wunsch mal in die Gegend zu fahren in der ich meine Kindheit bis zur ersten Klasse verbracht habe.
    Warum ich das nicht eher gemacht habe, weiß ich nicht, denn immerhin ist die Ecke gar nicht so weit weg von meinem jetzigen Wohnort.
    Mich hat es sehr überrascht wieviel ich wiedererkannt habe. Schließlich war ich ja mehr als 30 Jahre nicht mehr da.
    Das Haus in dem wir wohnten steht immernoch da, aber nicht mehr in dem scheußlichen gelb in dem es gestrichen war.
    Aus der Kneipe in der mein Vater früher oft versackt ist, ist jetzt ein Kindergarten geworden. Meine alte Grundschule steht auch noch.
    Und ich konnte noch genau den Weg rückverfolgen, den ich immer genommen habe um am Wochenende oder den Ferien die Brötchen (in Berlin heißen die Schrippen) im kleinen Laden bei der Ziegelei zu kaufen. Damals konnte man kleine, nicht mal siebenjährige Kinder alleine losschicken zum einkaufen... in der kleinen Geldbörse ein Zettel was die Verkäuferin einpacken soll, und ausreichend Geld... ich fühlte mich so groß und erwachsen in den Momenten... alleine einkaufen für Mama und Papa. :)
    Die Ziegelei gibt es nicht mehr, den kleinen Laden wahrscheinlich auch nicht.
    Aber die Felder am Hand, wo wir im Herbst die Drachen haben steigen lassen, und wo man im Winter so gut Schlitten fahren konnte sind auch noch unverändert.
    War eine sehr dörfliche Gegend, und ist es immer noch, und das mitten in Berlin. War schon schön da seine Kindheit zu verbringen.
    Ja, schön war's dahin zu fahren, auch wenn mir nicht die Tränen gekommen sind.

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    1. Aber klar doch, ohne Tränen, bist ja ein Mann ;)

      Und wenn man seine gesamte Kindheit und Jugend dort verbracht hat, ist es schon was anderes. Man verbindet auch einige traurige Ereignisse damit, dann wird's eben richtig emotional.

      Auch schön, nach 30 Jahren... und dass dennoch noch so einiges gleich geblieben ist, find ich schön. Danke für's erzählen.

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  3. Das ist eine zu Herzen gehende Geschichte, die ich gut nachvollziehen kann. Etwas Ähnliches kann ich auch berichten. Meine Großmutter hatte viel vom Haus Ihrer Eltern erzählt, welches ich aber nie gesehen hatte, da es ca. 300 km von unserem Wohnort entfernt lag. Als eines Tages amerikanische Verwandtschaft nach Deutschland kam, deren Nachkommen auch das Haus Ihrer Vorfahren sehen wollten, fuhren wir mit Ihnen dahin. Wir trauten uns aber zu klingeln und wurden mit offenen Armen von den jetzt schon relativ betagten Kindern des damaligen Käufers empfangen. Sie holten sogar den Kaufvertrag (Ca. 1917)hervor und wiesen uns auf das noch ziemlich original erhaltene Treppenhaus hin. Für große Erheiterung sorgte bei uns der Satz des jetzigen Besitzers: "Ach, Ihr Urgroßvater hat die schweinischen Bilder anbringen lassen!" Bei diesen schweinischen Bildern handelte es sich um Verzierungen, die früher mit einer Rolle als Fries o.ä. angebracht wurden. Die Darstellung war die Glücksgöttin Fortuna mit Füllhorn und nacktem (!!!) Oberkörper.
    LG Filinchen

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    1. Hach..ich mag solche Geschichten, find ich sehr interessant. Und ich glaub, je älter ich werde, desto mehr bewegt es mich. Man wird eben melancholischer und denkt gerne an alte Zeiten zurück.

      Die Orte und Plätze zu sehen wo man seine Kindheit verbracht hat, ist irgendwie wie eine kleine Zeitreise finde ich.

      "Schweinische Bilder..." *schmunzel*

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  4. Wie schön! Ob es mir auch einmal so gehen wird?

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    1. Wer weiß? Werd Du auch erstmal so alt, Du Küken:)

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  5. Ein wunderbares Posting.

    Manchmal denke ich auch an die Häuser meiner Kindheit zurück. Meine Eltern sind öfter umgezogen, so gesehen wäre die Reise eine lange. Aber vielleicht trete ich sie auch mal an. ;)

    LG

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    1. Bei vielen Umzügen sieht es natürlich bestimmt anders aus.
      Aber ich denke, man möchte eh nur das Haus, den Ort wiedersehen, zu dem man eine besondere Verbindung hatte und was mit vielen (prägenden)Erinnerungen verbunden ist.

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  6. Ein schöner, emotionaler Rückblick! Inzwischen versuche ich diese zu meiden, da sie meine Kindheitserinnerungen verwaschen. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass man als Kind dazu neigt viele Dinge zu idealisieren. Vielleicht schmeckt mir auch bloss der Zahn der Zeit nicht besonders. Wenn ich mal in der Gegend bin, in der ich aufgewachsen bin versuche ich auch immer mal einen Blick zu erhaschen. Aber es wirkt alles sehr trostlos. In den 70ern gab es da viele kleine Läden, vom Tante Emma Laden, über Bäckereien, Metzgereien, Schreibwarenläden, Pizzarien, Restaurants. Geblieben ist fast nichts, außer dem Bestattungsinstitut, das mir in meiner Kindheit schon unheimlich war.
    Aber ich glaube, dass man manchmal überrascht wäre, wenn man klingelt und den Menschen ihr Anliegen erklärt. Ich würde tatsächlich den Menschen einlassen, sofern er/sie höflich darum bittet und ich die Zeit erübrigen könnte.

    Ganz liebe Grüße,
    N.

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  7. Ich kann das so gut nachvollziehen Ayse !
    Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen und das Haus wurde nach ihrem Tod verkauft. Es ist jetzt zugegebenermaßen viel schöner als früher. An dem Haus ist nach seinem Bau 1953 nie etwas renoviert worden und der neue Besitzer musste dementsprechend vieles neu herrichten, aber man erkennt den Kern immer noch. Am Anfang war es ganz schwer für mich. Immer wenn ich an dem Haus vorbeikam und das war oft, hätte ich heulen können. Heute 5 Jahre später ist es zwar etwas besser, aber nur so lange, wie ich das Haus nicht sehe und anfange in Erinnerungen zu schwelgen. Es war halt mein Heim in dem ich groß geworden bin.

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