Dienstag, 25. Dezember 2012

Früher als erwartet...

Hatte  grad zufällig etwas Zeit und dachte mir, nimmste dir die mal für's bloggen...

Da es grad Weihnachten ist und alles etwas besinnlicher  als sonst,  gibt es von mir mal  eine persönliche Geschichte.

Nur so...










Es war das Jahr 1984....


Die deutsche Regierung machte in diesem Jahr ein "Deal" mit den Migranten. Es hieß:

"Ihr könnt eure Rentengelder in bar -sofort- ausgezahlt bekommen..aber dafür müsst ihr das Land verlassen...für immer! Deal or no deal?"

Mein Vater , dessen Traum es seit dem ersten Tag an war, irgendwann auf jeden Fall wieder zurückzukehren, überlegte nicht sehr lange...und seine Antwort hieß: "Deal!"

Meine Mutter war nicht so sehr begeistert von dieser Idee wie mein Vater, obwohl sie natürlich den gleichen Wunsch hatte wie er. Aber da war ihre "kleine" Tochter , die gerade frisch verheiratet war mit ihren 17 Jahren...und ihren rosaroten Träumen..vom Glück... und sie wollte mich hier nicht "alleine" zurücklassen...
Meine Mutter wusste natürlich schon, im Gegensatz zu mir, dass es mit dem Glück so eine Sache war.....
Wie immer sollte sie Recht haben...... aber das ist eine ganz andere Geschichte...

Für mich brach irgendwie eine kleine Welt zusammen. Auf der einen Seite hatte ich ein neues Leben begonnen, "mein" Leben... und wohnte nicht mehr zuhause bei ihnen, hatte meine eigene Wohnung, meine eigene , kleine Familie. Aber auf der anderen Seite fiel es mir sehr schwer, sie nicht mehr um mich zu haben. Dass wir nicht mehr in der selben Stadt, ja sogar im selben Land wohnen würden... zum ersten mal so weit weg voneinander leben würden. Die Menschen, mit denen ich bis dahin mein Leben verbrachte...jeden Tag.
Jetzt wollten sie plötzlich zurückkehren in die Heimat, wovon sie immer sprachen...aber ich es irgendwie nicht richtig glauben wollte.




Ich war gerade mal seit 2 Monaten verheiratet und mein damaliger Mann war dienstlich immer unterwegs und kam nur an den Wochenenden nach Hause. Dann sollte ich auch noch meine Eltern verabschieden...
Die letzten 2 Tage verbrachten sie bei mir, nachdem sie aus der alten Wohnung auszogen.
Ich werde nie den Tag vergessen...nie...wie ich hinter ihnen hersah , während ich meine Tränen wegwischte.....ihnen zuwinkte..meine Mutter, die zu mir zurückblickte...und mit tränenden Augen, mir mit ihrem herzzerreissendem Blick sagen wollte: "Es tut mir Leid mein Kind... es tut mir so Leid....." Und dann verschwanden sie mit dem Auto um die Ecke......für immer.

Ich hielt diese Einsamkeit, diese Traurigkeit nicht aus. Rief meine beste Freundin an und bat sie, zu mir zu kommen und diese Nacht bei mir zu verbringen -was sie auch sofort tat-.
Dafür werde ich ihr  mein Leben lang dankbar sein.

Meine Mutter macht sich und meinem Vater heute immer noch Vorwürfe. Sie denkt immer noch, dass es nicht richtig war zu diesem Zeitpunkt zurückzukehren und mich hier "allein" zu lassen... sie macht sich verantwortlich für mein späteres "Unglück"... sagt, sie hätten bei mir sein sollen...mich "beschützen"....

Ich mache sie dafür ganz und gar nicht verantwortlich...
Ich glaube an Schicksal...Kismet....

Es sollte ihr Schicksal sein, zurückzukehren....und mein Schicksal war auch schon längst vorherbestimmt...

Aber ich geb's zu,  ihre damalige Rückkehr....
Es war für mich irgendwie..... "früher als erwartet".......

Kommentare:

  1. Das ist ja eine traurige Weihnachtsgeschichte...
    vielleicht erfahren wir ja noch, wie es weiterging?
    Liebe Grüße!

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  2. Klingt nicht sehr fröhlich. Glaubst Du Dein "späteres Unglück" wäre anders verlaufen wenn Deine Mutter später in die Heimat gefahren wäre?

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    1. Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt. Die Antwort darauf werde ich natürlich nie erfahren, aber dass es anders verlaufen wäre ist sicher...

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  3. Das hört sich traurig an. Ich hoffe, die Fortsetzung ist weniger traurig...

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  4. Zu der Zeit war das Internet noch nicht so populär mancherorten vielleicht nichtmal das Telefon. Stelle mir das auch schwer vor dann in Kontakt zu bleiben. Überhaupt ist Nähe zu denen die man liebt schon etwas schönes.
    Aber je nachdem woher ihr kommt kann ich den Wunsch zurückzukehren auch verstehen.
    Wobei - mit 17 verheiratet. Das ist schon ganz schön knackig.
    Hoffe jedenfalls ihr habt die Entfernung irgendwie gemanagt.
    Liebe Grüße
    N.

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  5. Eine traurige Geschichte. Aber glaubst Du wirklich, daß Deine Ehe nicht gescheitert wäre, wenn Deine Eltern in der Nähe gewesen wären? Schwiegereltern können eine Ehe zerstören, aber eigene Eltern können sie auch nicht kitten.

    Auch verstehe ich Deine Eltern; Deutschland ist für sie vermutlich nie Heimat geworden, somit kann man die Rückkehr nachvollziehen. Zwar haben sie eine Tochter zurückgelassen, aber schließlich ist die Türkei nicht aus der Welt.

    Und zu guter Letzt: es gäbe dann nicht dieses große und wichtige Ereignis im Mai. - Ende gut - alles gut.

    LG Filinchen

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    1. Es gab nicht nur die gescheiterte Ehe...

      Jep. Das ist das einzig gute daran. Wozu was gut ist, weiß man nie, nicht wahr?

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    2. Sorry, ich habe nicht geahnt, daß das noch mehr war, dann hätten Eltern wohl doch helfen können.
      Gibt es in der Türkei eine Alterssicherung ähnlich wie bei uns?

      LG Filinchen

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    3. Ob es genauso ist wie hier, weiß ich jetzt nicht so genau, aber gibt es natürlich.

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  6. Heute denkt man, die Türkei ist ja nicht aus der Welt -- aber 84, weia, wenn ich daran denke, wie teuer da noch die Flüge waren... Eine traurige Geschichte -- aber dennoch scheint ja Dein Lebensmut und Dein Humor daran nicht zerbrochen zu sein.

    Liebe Grüße,
    Corinna

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  7. Weia, was eine Geschichte. :-(

    Aber krass, es gab damals tatsächlich so einen "Deal", nur um Migranten wieder los zu werden? Wie heftig. oO

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  8. Ein sehr bewegendes Ereignis. Solche Dinge bleiben genauso immer im Herzen und man die Emotionen dazu immer wieder fast detaillgetreu abrufen.

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  9. Oh, Gott! Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie ich mich in einer solchen Situation gefühlt hätte! Ich wäre auch am Boden zerstört gewesen. Ich hatte das Glück, dass ich sehr lange mit meinen Eltern zusammen sein konnte und wir eine harmonische Beziehung hatten. Jetzt habe ich eine liebe fast-Schwiegermutter und das ist auch ein unschätzbares Glück!

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