Montag, 5. November 2012

Türkische Hochzeit für Anfänger: Teil 3 - Henna-Abend


"Kina Gecesi".  Wörtlich übersetzt: Die Henna-Nacht.

Es ist DER  Abend, vor dem großen Finale.
The final countdown, sozusagen.
Die türkische Version des Junggesellennabends, bzw. , Junggesellinnenabends.
Dieser Abend ist dafür da, um Abschied zu feiern. Für die Braut ist es die letzte Nacht im Elternhaus. Deswegen hat es immer einen traurigen Beigeschmack und es werden auch viel Tränen vergossen.

Traditionell, wird es immer nur  unter Frauen gefeiert. Männer haben dort nichts zu suchen, aber mittlerweile -wie so vieles- hat sich auch beim Henna- Abend einiges geändert. Manchmal ist auch der Bräutigam mit dabei, auch wenn er sich nur relativ kurz blicken lässt. Manche feiern es auch nicht mehr nur einen Abend vor der Hochzeit, sondern ein paar Tage oder eine Woche vor dem Hochzeitstag, da es sonst zu stressig wird für alle. Aber Sinn des ganzen ist es - wie schon erwähnt- den letzten Abend im Elternhaus, den Abschied zu feiern.
Früher war es ja so, dass die Mädchen
bis zu ihrer Hochzeit bei den Eltern lebten. Bei den Männern kam es schon mal vor, dass sie eine eigene Wohnung hatten oder schon einmal verheiratet waren. War (ist) ja nicht schlimm, sind ja schließlich Männer, die dürfen alles. Jungfrauen hatten immer bis zum letzten Tag im Elternhaus zu leben. Das gehörte sich so.

Heutzutage kommt es immer häufiger vor, dass auch die junge Frau eine eigene Wohnung hat, oder in einer Mädchen-WG lebt, wenn sie studiert und die Uni sehr weit weg ist. Aber trotzdem gehört sie offiziell noch zum Elternhaus, wird dem Bräutigam dort vom Brautvater übergeben, aber dazu im nächsten Teil.

Der Henna -Abend wird auch von der Brautfamilie organisiert. Früher war es immer so, dass es Zuhause, bei den Brauteltern gefeiert wurde. Weil es eben die letzte Nacht dort war. Mittlerweile wird dafür aber fast immer ein Raum, ein Saal gemietet, je nachdem wie groß es gefeiert werden soll.
Es sind in der Regel  fast  immer Freundinnen, Nachbarn und weibliche Familienangehörige von beiden Familien dabei.

Die Braut zieht vorzugsweise ein schönes Abendkleid  ihrer Wahl an. Es wird zunächst getanzt, gefeiert, gegessen und getrunken. Im Laufe des Abends, wird dann mit der  eigentlichen Henna-Zeremonie begonnen.

Henna ist ein grünes Pulver, dass mit Wasser vermischt und zu diesem Anlass, zu einer  sehr dickflüssigen bis  festen Masse verarbeitet wird.



Für die Henna Prozedur, wird es auf einem Tablett vorbereitet und mit Kerzen bestückt.


Im Islam glaubt man daran, dass Henna ein Paradiesgewächs ist und deswegen Glück bringt. Aus diesem Grunde, wird die Haut der Braut mit Henna beschmiert. Nach ein paar Stunden, oder wenn es gänzlich trocknet, darf es wieder ausgewaschen werden. Es soll der Braut Glück bringen und auch an die Gäste wird der restliche Henna veteilt, auch sie sollen vom Glück etwas abbekommen, laut Tradition.

Rot ist u.a. die Hennafarbe, wenn sie auf der Haut eingewirkt hat, aber Rot ist auch die Farbe der  Liebe und auch der  Fruchtbarkeit, so sagt man. Deswegen trägt die Braut an diesem Abend , während der Henna- Zeremonie ein rotes, traditionelles Kleid und einen roten Schleier über dem Kopf.  Vorzugsweise werden die  Handinnenflächen mit Henna beschmiert. Danach zieht sie sich Fäustlinge über, bis es trocknet.


Bevor es mit der Zeremonie losgeht, wird das Licht ausgemacht und Kerzen werden angezündet. Eine Person aus der Familie oder eine gute Freundin der Familie bringt das Hennatablett herein, in Begleitung vom Gesang der Frauen, die sie begleiten. Da es die letzte Nacht sein soll und deswegen Traurigkeit symbolisiert wird, werden während der Zeremonie ausschließlich traurige Lieder gesungen, von der Trennung Mutter-Tochter und ihrer Sehnsucht zueinander. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt...


Die Braut setzt sich in die Mitte, auf einen Stuhl. Die Frauen laufen um sie herum und singen gemeinsam traurige Lieder.
Einige unter ihnen, die eine schöne Stimme haben (oder es zumindest glauben), geben auch eine Solovorstellung.
Sobald es mit diesen Liedern losgeht, fließen auch bei den ersten schon einige Tränen. Es ist nun mal Tradition, dass man am Henna-Abend weint, vor allem die Braut. Es ist schließlich ihre letzte Nacht im Elternhaus, ihre letzte Nacht als Jungfrau (äh..zumindest bei den meisten. Das sind dann natürlich  die "wohlerzogenen" und "ehrenvollen" Töchter). Keiner weiß, was sie erwartet. Natürlich hofft man, dass sie sehr glücklich wird, aber Frauen haben ja nun mal das Schicksal, dass sie meist unterdrückt werden, im Eheleben meistens kleinbei geben müssen, meistens Leid und Kummer erleben , evtl. unglücklich werden, es aber  nicht anmerken lassen, es mit Würde und Geduld ertragen. Zumindest war es früher so und das machte die ganze Sache, neben dem Abschied, doppelt so traurig; deswegen wurde an dem Abend viel geweint.
 Die moderne und selbstbewusste , türkische Frau von heute (JA, die gibt es auch!)  kann darüber nur lachen. Sie geht mit ihren Freundinnen in einen Club, oder in ein schickes Restaurant und feiert feucht- fröhlich , ihren Jungesellinnenabschied:



Aber das ist noch lange nicht die Regel. Kommen wir zurück , zum traditionellen Henna-Abend.








Nachdem die Hennaprozedur vorbei ist, wischen sich alle die Tränen ab (was meistens auch nur Freudentränen sind)...

...und es wird wieder fröhlich weitergefeiert und getanzt, bis in die Nacht.

Übrigens: Dieser Schleier, was man als Braut über den Kopf bekommt, ist in der Hinsicht auch sehr nützlich. Man kann sich schön darunter verkriechen und wird nicht von allen beobachtet, ob man nun weint oder nicht.

Ich kann mich noch so wage an meinen eigenen Henna- Abend erinnern, damals. Es sind gefühlte 28 Jahre her....ups!... es sind tatsächlich 28 Jahre her...*grummelbrummel*
Da saß ich brav unter meinem Schleier und wartete die Zeremonie ab.
Als die Lieder begannen, bekam ich mit, wie einige herumschnieften und dachte mir: "Shit...jetzt erwarten sie von mir auch, dass ich weine. Mir ist gar nicht danach...was mach ich bloß? Ob ich daran denken soll, wie ich in der 4 Klasse gemobbt wurde?"
Als ich krampfhaft versuchte, mir all die schlimmen Sachen vorzustellen, die mir bis dahin geschahen , und mir eine Träne abzudrücken, hob eine Hand mit dicken Wurstfingern meinen Schleier hoch. Ein Gesicht , es war das Gesicht von unserer neugierigen Nachbarin, beugte sich zu mir runter, sah mich an und flüsterte entsetzt: "Weinst du gar nicht?! Nu wein doch schon...sonst denken die Leute noch, du wärst so scharf darauf, einen Mann abzukriegen"

Ich hätte ihr am liebsten vor's Schienbein getreten, aber dann wäre ich erst Recht das Gesprächsthema in der Nachbarschaft. Eine Braut, die
1.nicht weint , während ihrer Henna-Zeremonie
2. gewalttätig 
und 3. spitz wie Nachbars Lumpi ist.  Skandal!
Diesen Gesprächsstoff wollte ich ihnen nicht liefern, auf keinen  Fall.

Also, gab ich mein Bestes. Ich versuchte an den traurigsten Film zu denken, an die herzzerreissensten Liebesfilmszenen....Nix. Nada. Niente. Nothing. Rien.
Ich dachte, ich konzentrier mich jetzt einfach mal auf die Lieder, die gerade gesungen wurden.
Tatsächlich fing ich irgendwann an zu weinen. Ich steigerte mich so sehr rein, dass ich anfing zu schluchzen. Ich heulte Rotz und Wasser.

Alle, die das bemerkten heulten (zufrieden) mit. Einige streichelten  meinen Kopf und dachten sich : "Die Arme...so traurig, dass sie ihr Elternhaus verlässt...so sehr liebt sie ihre Familie...so sensibel und emotional ist sie...."

Aber was keiner wußte:

Ich mußte weinen, als ich dieses unerträgliche Gejaule von einer Frau im Hintergrund hörte. Sie "sang" ein trauriges Lied und sie sang es sowas von falsch, dass  ich mir dachte: "Oh mein Gott, womit hab ich das nur verdient?"Es war einfach  nur zum heulen und ich wollte auf der Stelle tot sein.
Oder wenigstens taub.


Also Leute, der Tip von mir, Ohrenstöpsel zu türkischen Hochzeiten mitzunehmen, ist nicht nur wegen der Lautstärke.
Merkt Euch das bitte, ihr werdet mir dankbar sein.


Und schaltet auch das nächste mal wieder ein, wenn es im letzten Teil heißt:

-Boah, Elsbeth...war DAS ne Hochzeit!  Und was für ne laute Mucke. Ich glaub mein Schwein pfeift, hömma.
-Das ist der Tinnitus Karl-Heinz.  Und erwähn nicht ständig  das Wort "Schwein", wir sind noch nicht ganz raus aus'm Saal. Das sind hier alles Moslems!
-Hört doch keine Sau...


Kommentare:

  1. Sehr interessant und informativ! Deine Anmerkungen und die Art zu schreiben sind einfach köstlich.
    Liebe Grüße
    Filinchen

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    1. Ich amüsiere mich jedesmal beim Schreiben und muss dabei rumkichern. Freut mich, wenn Ihr beim Lesen genauso Spaß habt:)

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  2. Wenn bei mir in der Arbeit eine Muslima aufschlägt mit verfärbten Händen, frage ich sie meistens, ob sie auf einer Hochzeit war, und ob es schön war, und dann bekomm ich ab und zu erzählt wie wuuunderschöööön die Braut war, FAST so schön wie die betreffende Frau damals, bei ihrer Hochzeit.

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    1. Das sieht immer so abartig aus mit den rot-braunen Fingern, finde ich. Deswegen hatte ich damals bei mir auch darauf bestanden, dass es nur ein kleinen Punkt in der Handinnenfläche gibt. Diese Henna-Verzierungen/Tatoos sehen da viel schöner aus finde ich. Davon hätte ich auch noch 1-2 Fotos zeigen können, in dem Beitrag, hab ich vergessen, Mist. Egal.

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  3. hallo liebe ayse,
    dein bericht ist mal wieder köstlich :) also, wenn du so auch kochst..!!
    bestimmt kannst du das.
    freu mich schon auf deinen nächsten hochzeits*sitten*bericht!
    viele liebe grüße und einen sonnigen tag!
    dornrös*chen

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    1. Hallo Dornröschen,
      also was das Kochen angeht, muss ich jetzt mal ganz unbescheiden sein. Kann ich gut!:) (aber, das können die meisten türkischen Frauen)

      Liebe Grüße an alle.
      Ayse

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  4. Liebe Ayse,
    war leider ein Weilchen nicht mehr hier (Läppi kaput, uahhh & Herbstferien), aber da springt mir ja gleich mal was Bekanntes ins Auge ;-)
    Genau so - traditionell - durfte ich das im August erstmalig miterleben, war auch ein lustiger, aber auch tränenreicher Abend! Am nächsten Tag gleich Hochzeit (da war ich nicht dabei) - ich fand das auch reichlich anstrengend für alle, puh. Das Haus auch noch voller Verwandtschaft usw.

    Ich freu mich auch auf weitere lustige *Sitten&Gebräuche* :-D

    GLG
    Bettina

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  5. Hallo, mich würde interessieren ob es zu diesem Thema auf türkisch oder deutsch ein Bilderbuch oder Kinderbuch gibt. Kann mir jemand weiterhelfen?

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  6. hallo liebe ayse,
    Dein Bericht ist sehr interessant.
    Wir haben einen Film über einen Henna Abend mit anschließender Hochzeit gedreht vieleicht ist das ja interessant für den einen oder anderen.

    http://vimeo.com/38480274

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    1. Das Video ist traumhaft schön! Eine tolle türkische Hochzeit und Polterabend auf einem Blick. Hat mir sehr gut gefallen, dankeschön!

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  7. Ich brauche da jetzt mal ein wenig Aufklärung, gern auch an die Mailadresse (die geheime) :)

    Wir haben hier im großen Saal des Hauses am Freitag ein "Henna-Fest" und der junge Mann (wohl der Bräutigam), der den Saal gemietet hat, meinte auf meine frage so locker, dass "um 24 Uhr ruhig wird und dann wird aufgeräumt, weil morgen ja Zeremonie und so ist".

    Ich traue dem Braten nicht so ganz, Mietvertrag hin und her. Jetzt ist meine Frage, ob es etwas Ehrenhaftes gibt, womit ich die ganze Bande vermutlich gegen drei Uhr rausschmeißen kann, um sie zu verpflichten, um 10 Uhr wieder zu putzen anwesend zu sein. Oder ist solch ein "deutsches Denken" bei eingedeutschten Türken mit Personalausweis noch nicht angekommen?

    Ich muss dazu sagen, dass wir hier ein Menge Feiern aller Nationalitäten haben und mit mehr oder minder guten Erfahrungen protzen können. Ein Henna-Abend fehlte uns allerdings bisher ebenso wie eine türkische Hochzeit. Letztere wird aber unser Saal (max. 600 Personen stehend) wohl platztechnisch nicht erlauben.

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    1. "Jetzt ist meine Frage, ob es etwas Ehrenhaftes gibt, womit ich die ganze Bande vermutlich gegen drei Uhr rausschmeißen kann, um sie zu verpflichten, um 10 Uhr wieder zu putzen anwesend zu sein."

      Irgendwie bin ich mit der Frage überfordert oder kann nichts damit anfangen.
      Jeder, egal welche Nationalität, soll/muss sich an die Regeln und Verpflichtungen halten. Wenn um 24 Uhr Schluss sein muss, sorgt der Vermieter, dass auch wirklich Schluss ist, auch wenn er im schlimmsten Fall mit der Polizei drohen muss. In der Regel halten sich -ja, auch Türken!- an diese Regeln und sind verantwortungsbewusst (wenn man Glück hat). Man muss nur konsequent und deutlich sein. Um das Risiko sollte sich, denke ich, jeder Vermieter im Klaren sein, dass sich nicht alle vorbildhaft und pflichtbewusst verhalten. Dafür gibt es ja schließlich Vertragsklauseln.
      Ich kann für euch nur hoffen, dass der Bräutigam und co. pünktlich und pflichtbewusst handeln werden. Wenn es vernünftige und ehrenhafte Personen sind, brauchen sie keine Extra-Ermahnung o.ä., sie werden auch so keinen Ärger machen.
      Ich muss aber ganz ehrlich gestehen, dass ich, wenn ich eine deutsche Saalinhaberin wäre, meinen Saal nicht an Türken vermieten würde. Dazu habe ich schon genügend negatives gesehen, gehört und selbst erlebt. Da können sich jetzt meine Landsleute noch so aufregen drüber. Ist so.
      Ich drück' die Daumen!:)

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    2. Danke schön!

      Meist lehnen die Leute ohnehin ab, wenn wir ihnen die Anforderungen nennen, die unsere Stadt inzwischen an Veranstaltungen über 100 Personen stellt. Da wir uns an den Leitfaden halten, werden aus den früheren 500 € Saalmiete inzwischen durch Gebühren und Sicherheitsdienst schnell mal 2.500 € und da sind die türkischen Säle in der Stadt einfach häufig günstiger. Noch.

      Ich schaue mal, wie der Abend verläuft und werde ggf. berichten. Positiv denke ich auf jeden Fall. :)

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