Sonntag, 11. November 2012

Türkische Hochzeit für Anfänger: 4. und letzter Teil


Kommen wir endlich zum Höhepunkt : Die Hochzeit.

Man nennt es auch "den glücklichsten Tag im Leben".  Warum eigentlich ? Weil es ab dann immer abwärts geht, mit dem Glück? (Jetzt werd nicht wieder sarkastisch, Ayse...)

Es gibt so unendlich viel zu schreiben  was dieses Thema angeht, aber um es abzukürzen, werde ich nur das allerwichtigste hier erwähnen.
Außerdem möchte ich bemerken: Es gibt nicht DIE türkische Hochzeit. In jedem Teil der Türkei  wird sie anders gefeiert. Bräuche, Traditionen  sind in jeder Region verschieden, deswegen sehen die Hochzeiten auch jeweils anders aus.
Ich erzähle Euch eigentlich nur von dem, was ich hier in Deutschland erlebe, und da sieht es auch etwas anders aus, als in der Türkei.

Was aber immer gleich ist, ist folgendes:


Das Brautpaar muss vor der offiziellen Trauung, noch erstmal religiös getraut werden. Das findet meist ein paar Tage vor der  Hochzeit statt. Dazu kommt ein türkischer Geistlicher (Imam) in die Wohnung der Brautfamilie, der Imam zieht sich mit dem  Paar zurück, erklärt ein paar Dinge, hält eine kurze Rede, gemeinsam wird gebetet, fertig. Keine große Sache.

Die offizielle Trauung findet natürlich auch vor der Hochzeit statt. In der Türkei  wird man  meistens noch vor Ort, im Hochzeitsaal getraut.
Auch gibt es in der Türkei  jedes Jahr  die sogenannten Massentrauungen. Viele Paare, die zu arm sind  oder keine Familie haben,  werden von der Stadt gemeinsam getraut. Das können dann gerne mal 5 -250 Paare werden, für die eine Trauung und Feier vom Staat "gespendet" wird.
Find ich sehr interessant.



Zur ofiziellenTrauung wäre noch zu erwähnen, dass es einen bekannten Brauch (mehr ein Jux) dazu gibt. Während oder direkt nach der Trauung, noch während das Paar am Tisch sitzt, versucht einer von den beiden, dem anderen auf den Fuß zu treten. Meistens ist es die Braut, die das macht. Es heißt, derjenige, der es schafft, dem anderen auf den Fuß zu treten, der hat später das Sagen in dieser Ehe.
Deswegen ist diese Sache bei jeder Trauung immer ein Hingucker und eine lustige Angelegenheit für alle Anwesenden.




Der Hochzeitstag fängt natürlich sehr stressig an (zumal einen Abend vorher noch  der Henna-Abend gefeiert wurde). Die Braut geht  mit einigen anderen Frauen (Freundinnen, Verwandte) zum Friseur und alle holen sich ihre "Turmfrisuren" ab, von denen ich ja bereits im Verlobungspost berichtet hatte.
Danach ist der Fotografentermin angesagt, wie es ja auch bei deutschen Hochzeiten so ist.
Dann wird die Braut wieder ins Elternhaus gebracht, wo sie später vom Bräutigam -samt Familie-  abgeholt wird. Und da wird es wieder dramatisch.
(Stellt euch an dieser Stelle bitte die Musik aus dem Film "Psycho" vor, diese Duschszene. Nein! So dramatisch ist es dann doch wieder nicht...)

Der Bräutigam kommt mit seiner gesamten Familie/Verwandtschaft  und Freunden -begleitet von Hupkonzerten-  vorgefahren. Sie gehen in die Wohnung (zumindest so viele, wie reinpassen) um die Braut abzuholen. Bevor der Brautvater seine Tochter dem Bräutigam übergibt, wird noch gebetet -und natürlich wieder geweint . Die türkischen Bräute tragen meistens ein rotes Band um die Taille. Dieses Band wird vom Bruder oder vom Vater umbegunden und soll die Unschuld und Jungfräulichkeit symbolisieren.  (Weil, so'n Jungfernhäutchen ist ja megawichtig!)




Vom Bruder oder Vater wird es umgebunden, weil es aussagen soll: "Hier, bis jetzt habe ich auf die Ehre meiner Tochter aufgepasst, ab jetzt sollst du für sie verantwortlich sein"  Es wird auch als "Gayret Kusagi" (Mut-Gürtel) bezeichnet, für was die Braut auch immer Mut zeigen soll, ich weiss es nicht.
Wie ein Geschenkpaket, dass dem Bräutigam übergeben wird: "Hier bitteschön, ist noch ganz 'neu', unversehrt, Du darfst es als Erster aufmachen".
Pffff...
Ich fand es damals schon bescheuert und erniedrigend, sodas ich bei meiner Hochzeit darauf bestanden hatte, das Ding nicht zu tragen. Ich kleine Revulutionärin ich.
Wieviel DAN wohl so ein Gürtel hat?
Vielleicht wurden früher diese Gürtel den Bräuten um die Augen gebunden, wenn der Bräutigam hässlich war, man weiß et nich.

Danach geht es nach draußen und es wird laut und chaotisch. Fast immer sind Musiker dabei, und zwar immer ein "Davulcu" Trommler und ein "Zurnaci" Klarinettenspieler, das ist ganz traditionell. Es wird kräftig getanzt und Krach gemacht, bevor es dann endlich losgeht, zum Hochzeitssaal. Das sollen ja schließlich alle im Umkreis von ca. 10 km mitkriegen.

Hier hat wohl eine deutsche Familie aus der Nachbarschaft, diese Zeremonie mit dem Handy aufgenommen, mit "interessanten" Kommentaren dazu (also, verstehen kann ich die Leute in der Nachbarschaft schon, die sich vom Lärm belästigt fühlen...)





Wenn das Paar schließlich  im Saal angekommen ist, sind die meisten Gäste schon da (ihr könnt euch also vorstellen, WIE spät es schon ist...mind. 19 Uhr. Beginn:17 Uhr)

Das Paar  betritt den Saal mit großem "Trara", der Bräutigam öffnet den Schleier und übergibt  ihr noch meistens ein Geschenk (Halskette oder Ring) . Dann wird der erste Tanz getanzt, danach kommen die anderen Gäste hinzu und die Feier kann beginnen. Bei (ohrenbetäubender) Musik und Cola&Fanta , wird das Tanzbein geschwungen, bis sich die Balken brechen. Alkohol gibt es auch, aber meistens "unterm Tisch". Das macht sich dann im Laufe des Abends bemerkbar, wenn einige auf den Tischen tanzen.

Ach ja... das "Hochzeitsessen". Mein leidiges Thema. Ich find nämlich das Essen auf den Hochzeiten unmöglich. Vor allem wie es "liebevoll" serviert wird. Halbes Hähnchen, Fladenbrot,  eingelegtes, saures Gemüse = "Turschu", auf Plastiktellern und einer Plastikgabel dazu, OHNE Messer.
Na ja...bei fast 1000 Gästen, ist es auch ein wenig schwierig, ein 3-Gänge Menü mit Silberbesteck zu servieren, gell?

Aber ALLAH sei Dank, wird dies immer weniger. Immer mehr gibt es "normales" (wenn auch geschmacklich  leider nicht viel besseres)  Essen auf Hochzeiten. Sogar auf Porzellantellern und normalem Besteck, jawohl!

Wie ich schon erwähnte, die Türken in Deutschland  sind ein Volk für sich. Sie sind nicht immer  zu vergleichen mit den Türken in der Türkei. So ist zum Beispiel auch die Geschenkezeremonie, mit der  Durchsage über das Mikrofon, eine "Deutschländer*" -Eigenschaft. (* So werden die in Deutschland lebenden Türken in der Türkei genannt. Sie werden oft belächelt)
Es ist das (aller)schlimmste , an dem ganzen Abend, finde ich.
Dazu stellen sich Braut und Bräutigam, mit Familie, auf die Bühne. Es bildet sich eine Schlange von Menschen, die sich dort mit ihren Geschenken anstellen. Es ist meist Gold oder Geld. Bekannte schenken meistens "nur" 50 €. Gute Freunde meist 100 oder mehr. Von den Familienangehörigen, gibt es meistens Goldgeschenke/Schmuck.


Das ganze wird vom Ansager durch das Mikrofon verkündet, jedes einzelne Geschenk:

"...von der Schwester der Braut, ein goldenes Armband. Applaus!"

oder

"...von der Familie 'Üzmülgüzmül' , 100 Euro! Von den Arbeitskollegen des Bräutigams, ein Umschlag und ein Blumenstrauß!Applaus"

Wahrscheinlich um das ganze zu dokumentieren, im Video festzuhalten, damit man weiß, wer, wieviel geschenkt hat, damit man dann bei deren Hochzeit  bloß nicht MEHR schenkt als sie. Man weiß et nich.

...und ca. gefühlte 6 Stunden später, ist auch diese Zeremonie endlich zueende. Dieser Ansicht sind wohl die meisten, denn nach der Geschenkezeremonie gehen die meisten nach Hause.

Ich beobachte bei solchen Ereignissen die Menschen ganz gerne.
Was mir immer auffällt ist u.a.  , dass die aufgetakelten, feinen Damen und Herren, die am Anfang der Feier noch völlig anmutig und "möchtegern-etepetete" , hochnäsig herumlaufen und noch  leichtfüßig 'tänzeln', zum Ende des Abends,   die hochhackigen Schuhe ausziehen, völlig zerzaust zwischen den Tischen rumspringentanzen  und kaum wiederzuerkennen sind.

Viele haben wohl auch ein wenig zu tief 'unter'n Tisch' geschaut.

Aber so eine türkische Hochzeit muss man einfach mal erlebt haben. Immer wieder lustig und interessant.
Traut Euch!
Äh...ich meine natürlich, zu einer türkischen Hochzeit zu gehen.
Ob ihr euer Game-Over schon hattet oder noch vor euch habt, kann mir egal sein.
Ein türkisches Sprichwort besagt:

"Kendi düsen aglamaz"

Wer selbst hingefallen ist, heult nicht.


Zum Schluß möchte ich Euch aber noch unbedingt ein paar Fotos ans Herz legen. Ich möchte sie hier nicht einzeln veröffentlichen, weil wegen dem Urheberrecht und so.
Ich geb euch nur die Links zu den Seiten.

Diese Bilder sind von  einer typisch türkischen Hochzeit hier in Deutschland.


Sehr nett anzuschauen.


Und diese Bilder sind von einer Hochzeit in der Türkei. Die Braut, Gizem, ist eine gute Bloggerfreundin von mir, aus Istanbul. Sie ist eine typisch moderne, gebildete, erfolgreiche  junge Frau. Wie so viele in der Türkei.
Ihre Hochzeit war auch dementsprechend schön und exklusiv.

Es gibt auch solche türkische Hochzeiten...schaut es euch an!




Ach...hätte ich fast vergessen.
Einen netten Gruß und Gratulation nachträglich an Mark Zuckerberg und seine Frau.
Turkish-Style! *g*


Kommentare:

  1. Vielen Dank für Deine Postings zur türkischen Hochzeit. Ich fands wirklich extrem interessant und natürlich auch lustig.

    LG

    P.S. Frau Zuckerberg sieht nicht glücklich aus. Vielleicht wurde sie ja gezwungen einen Ehevertrag zu unterschreiben. ;)

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    1. Jetzt wo du es sagst... sieht fast danach aus, denn er guckt um so zufriedener:)

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  2. Schließe mich Manu an. Diese Postings waren wirklich interessant und so witzig geschrieben, dass es einfach nur Spaß gemacht hat, die zu lesen.

    Die Bilder von deiner Bloggerfreundin sind traumhaft. Gut, aber von jemandem, der so aussieht, dürfte es nur traumhafte Fotos geben. ;)Interessant finde ich, dass sie ihm nicht nur auf den Fuß tritt... sie überragt ihn auch noch beim Tanzen. Hm... wer da wohl später die Hosen anhat. ;D



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    1. Ja, sie ist wirklich entzückend. Vor allem ist sie eine ganz Liebe.
      Ihr könnte man(n) eh nix abschlagen:)

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  3. Danke für den Beitrag und die beiden Links.
    Es hat mich amüsiert, daß Du den Brauch mit dem Gürtel so erniedrigend findest. Mir geht es genauso, zudem noch diese blutige Farbe! (Honi soit qui mal y pense. ) Bei uns gab es früher Ähnliches, den Brautkranz aus Myrthe, den auch nur Jungfrauen tragen durften, ebenso wie ein weißes Kleid nur der jungfräulichen Braut zustand. Wenn man schon ein kleines Bäuchlein sah, kam nur elfenbeinfarbiger Stoff infrage. Hach, und dann immer die Rechnerei, nach wievielen Monaten das erste Kind kam... ein Siebenmonatskind, Gott, war das peinlich!
    Ich stelle immer wieder fest, daß Eure Moralvorstellungen bezüglich der Frauen, unseren aus noch gar nicht so lang vergangenen Zeiten ähneln. Auch heute noch wird aus Tradition die Braut vom Vater zum Altar geleitet und dort dem Bräutigam übergeben.

    Aber, wenn ich mir diese Turmfrisuren ansehe, könnte ich mich fast zum Tragen eines Kopftuches durchringen. ;-)

    Liebe Grüße
    Filinchen

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    1. Einen Brautkranz aus Myrthe, nur für Jungfrauen...hmm...auch interessant.
      Wie gut , dass ihr schon soweit seid. Wir brauchen glaub ich noch einige Jahre.

      Aber es gibt mir zumindest Hoffnung, wenn ich sehe, dass sich schon so einiges verändert hat. Noch in meiner Kindheit gab es sogar oft die "Laken-Schau". Da musste die Braut, nach der Hochzeitsnacht, ihr Bettlaken vorzeigen, mit ihrem Blutfleck. Als Beweis für ihre Jungfräulichkeit. Da sträuben sich einem echt die Nackenhaare...

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    2. Wirklich ganz ganz gruselig, zudem es laut Wikipedia nur bei ca. 50 Prozent zu Blutungen kommt. Da mußte dann ja wohl getürkt werden.

      Liebe Grüße
      Filinchen

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  4. Ach wie herrlich!!!!
    Vor allem das Video: "... schon mal was von Sonntagsruhe gehört?..."

    Die Braut Gizem ist wunderschön! Was für eine traumhafte Feier und sie hatte auch gar keinen Turm auf dem Kopf ;)

    Jetzt kuck ich nochmal...

    Danke fürs Teilen!
    Lieben Gruß, vany

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    1. Das Video ist echt witzig. Das IST aber auch immer so ein Getöse jedesmal bei uns. Ein wenig Rücksicht sollte man schon nehmen, finde ich. Dass sie sich gestört fühlen, kann ich ihnen gar nicht verübeln.
      Wenn das ganze umgekehrt wäre, also eine Fremdhochzeit mit fremden Bräuchen in der Türkei...da würden die meisten Türken dort genauso reagieren und "ablästern".
      Normaaal ne?:)

      Hab ich gern gemacht.
      Grüße an alle.
      Ayse

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  5. ooooooooooooh so viel Aufwand und da kann man nicht mit sonem Billig-Aldi Geschenk daherkommen *kicher* und irgendwie irgendo war ich schon mal auf so'ner Hochzeit, viele viele Leute, nicht zu vergleichen mit ner "typisch Deutschen" Hochzeit. Das Band zum auspacken gefällt mir, das nehm ich gleich mal und dann kann sich mein "man to be-husband" sich das Teil zu Weihnachten umlegen und öh......sich unterm Baum räkeln *hüstel* ;)

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    1. Och..so'n schnuckeligen Toaster, kann man doch immer mal gebrauchen. Lässt sich nur schwer an's Brautkleid heften , mpff:)

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  6. Deine Bloggerfreundin sieht wunderschön aus. Für ihre Haare würd ich töten. Aber eigentlich alle Türkinnen die ich kenne haben so viele, dicke, tolle Haare.

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    1. Tja, da kennst Du mich noch nicht:)
      Und sag jetzt nicht "Aber auf dem Foto..." Das täuscht. Lockenwickler und 'n Kilo Haarspray können echt Wunder wirken.

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  7. Hallo Ayse,
    habe heute endlich mal wieder Zeit gehabt, bei dir vorbei zu schauen und fand es wie immer sehr aufschlussreich. Was mir an den Bildern deiner Blogger-Freundin aufgefallen ist: warum haben viele (moderne) türkische Frauen blond gefärbte Haare? Oder ist das natürlich?
    Liebe Grüße aus dem Norden von
    Silke

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    1. Das mit den blond gefärbten Haaren, gilt nicht nur für moderne Frauen. Das ist generell bei türkischen Frauen so. Die stehen halt alle auf blonde Haare (oder weil die Männer drauf stehen?).
      Wenn es einer Frau gut steht, find ich's ja ok, aber vielen steht es gar nicht, das finde ich dann wiederum sehr unschön, um es mal harmlos auszudrücken.

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