Montag, 19. November 2012

Tod und Trauer auf Türkisch


"Her canli ölümü tadacaktir"

"Jeder Lebende wird den Tod schmecken"

Dies ist ein Spruch aus dem Koran und ist an vielen  Eingangstüren von türkischen Friedhöfen zu  lesen.

Der Mensch ist wohl das einzige Lebewesen, dass ganz bewußt mit der Gewissheit seines Todes lebt... 

Ständig daran zu denken ist bedrückend. Deswegen wird der Tod gerne verdrängt, aber mit jeder Todesnachricht  wird er wieder daran erinnert.
Je näher einem der Tote war, desto schmerzhafter ist der Verlust.

Auch wenn der Schmerz der Gleiche ist, trauern die Menschen überall anders. Die Beerdigungsrituale, die Trauertraditionen  sind nicht überall gleich.

Heute möchte ich Euch  unsere Rituale und Traditionen ein wenig  näherbringen.
Wenn man so einer Situation begegnet, fällt es einem evtl. leichter damit umzugehen, wenn man darüber schon etwas weiß. Das Thema  ist schon schwer genug, für jeden Menschen.

DAS BEERDIGUNGSRITUAL

Der Islam besagt, dass die Leiche so schnell wie möglich (innerhalb von 24 Stunden) begraben werden muss. Das kommt wohl daher, dass es in den meisten muslimischen Ländern sehr heiß ist. Deswegen wird bei einem Todesfall auch dementsprechend schnell gehandelt.
In Deutschland ist dies nicht erlaubt. Nach deutschem Recht, darf man einen Toten erst nach 48 Stunden beerdigen, damit genügend Zeit bleibt, um alle Zweifel über die Todesursache auszuräumen.

In Deutschland werden die Leichen, noch in den meisten Fällen,  in die Türkei überführt.
Das hat 2 Gründe:
1. Möchten die meisten "zurück" ins Heimatland und dort in der Heimaterde, bei der Familie und den Ahnen  begraben werden.
2. Die begrenzte Ruhefrist in Deutschland. Im Islam hat jeder das Recht für die ewige Ruhe, aber in Deutschland beträgt die Ruhefrist des Grabes, nach der Friedhofsordnung,  in der Regel 25 Jahre. Die mögliche Einebnung und Wiederbelegung ist einer der Gründe, dass die Muslime abschreckt und davon abhält.

Aber in Deutschland gibt es immer mehr muslimische Friedhöfe, deswegen nimmt die Zahl der Überführungen -im Gegensatz zu früher- ab.

Die rituelle Waschung des Toten  ist Pflicht im Islam.  Sie wird von einem Familienmitglied oder einer Person, die dem Toten sehr nahestand, durchgeführt. Ein Mann darf auch nur von einer männlichen Person, und eine Frau nur von einer weiblichen Person gewaschen werden, ausgenommen Eheleute.

Danach wird die Leiche in ein weißes Leichentuch eingewickelt, in ein Sarg gelegt und auf ein Podest gelegt, was sich im Moscheehof befindet. Der Sarg wird mit einem grünen Tuch zugedeckt. Grün ist die heilige Farbe des Islams.


Bei dem Leichengebet  dürfen nur männliche Personen anwesend sein. Frauen ist es nicht erlaubt, daran teilzunehmen. (Oh Wunder!) 
Der Geistliche (Hodscha) hält eine Rede, alle nehmen Abschied. Der Hodscha fragt die Anwesenden, wie sie den Toten kannten (er meint damit, ob sie ihn als guten oder schlechten Menschen kannten). "Ölüyü nasil bilirdiniz?" Alle antworten (natürlich) mit "iyi bilirdik!" , "als einen Guten!"

Es wird nochmal zusammen gebetet, dem Toten seine evtl. Fehler vergeben und Allah um Vergebung gebeten. 

Danach wird der Sarg zum Friedhof gebracht. In der Türkei, in den kleinen Dörfern, immer noch auf Händen getragen. Alle Männer wechseln sich dabei ab. Es heißt nämlich, es sei eine heilige Sache, den Sarg zu tragen. Demjenigen werden die Sünden vergeben. Deswegen versucht jeder, den Sarg zumindest zu berühren.


Die Leiche wird aus dem Sarg entnommen und nur im  Leichentuch ins Grab gelegt.
Muslime werden nur im Leichentuch bestattet. Das wiederum gibt auch ein Problem in Deutschland. Das ist gegen die in Deutschland herrschenden Sargpflicht.
Es gibt aber Friedhöfe, die das tolerieren.

Das Gesicht des Toten muss in Richtung Mekka ausgerichtet werden....(meine treuen und aufmerksamen Leser wissen schon...*hüstel*)

Jeder der ein Friedhof besucht, muss unbedingt einmal den "Al-Fatiha" (Elham) beten. Es ist die erste Sure des Korans und gleichzeitig die Gängigste, der bei jeder Gelegenheit rezitiert wird. 

Die typische Handbewegung beim Beten  für Muslime, ist so wie auf dem ersten Bild oben.


DIE TRAUERPHASE

Nachdem die Leiche begraben wurde, wird im Haus -meist von den Nachbarn- das  traditionellste Leichenschmaus überhaupt zubereitet. Es nennt sich "Helva" und wird meist aus Mehl, Zucker, Butter und Wasser zubereitet. Da die Herstellung sehr einfach, schnell  und  kostengünstig ist, ist es eine sehr beliebte Süßspeise, wird auch dadurch sehr gerne als Leichenschmaus  genommen.




Eine andere Variante -auch sehr beliebt- mit Grieß.



Die 'Familie des Toten wird mind. 3 Tage von Familie, Freunden und Nachbarn besucht und bekocht. Das Haus wird regelrecht belagert. Die Tradition besagt, dass die Hinterbliebenen nicht alleine gelassen werden sollen. Sie sollen seelischen und körperlichen Beistand bekommen. Viele der Besucher bringen eine Kleinigkeit zu essen mit. Die Familie soll sich , in ihrer Trauer und ihrem Leid, nicht noch auch um die Verpflegung kümmern. Es wird ihnen abgenommen, sozusagen. Es wird zusammen geweint und getrauert. Man spricht über den Toten, erinnert sich gemeinsam an die schönen Dinge mit ihm, tröstet sich und versucht, die trauernde Familie wieder in die Realität zurückzuholen.
Denn gelitten und getrauert wird bei uns meistens auch sehr laut und übertrieben. Es gibt Klagelieder, schreiende und schluchzende Menschen, die ihre Kleider vom Leib reißen, sich die Haare raufen etc.
All das ist eigentlich im Islam nicht erlaubt. Man soll still trauern. Aber das Temperament und die Mentalität der Menschen, hält sie meist nicht davon zurück.

Nach 7, 40 und 52 Tagen kommt man nochmals zusammen. Die Angehörigen organisieren einen "Mevlid" für den Toten. Es gibt wieder  einen Leichenschmaus, man betet und rezitiert wieder Suren aus dem Koran , verteilt Allmosen und betet für Vergebung der Sünden, aller Verstorbenen ,  Anwesenden und deren Familien. 

Wahrscheinlich wäre all das  für viele Deutsche viel zuviel des Guten,  und viele Menschen möchten ihre Trauer bestimmt auch alleine ausleben, stiller und einsamer....aber wir kennen es nun mal nicht anders. Glück und Leid wird bei uns immer in großer Gemeinschaft ausgelebt. Wir kennen es nicht  "allein gelassen" zu werden, bei solchen Anlässen. Das ist wohl auch ein Teil unserer Mentalität...


Aber.......








Es ist egal welche Hautfarbe man hat,
welche Sprache,
welche Augenfarbe!

Auch ist es egal welche Religion man hat,
welche Ansichten oder welche Ideologien...

Ob ledig oder verheiratet,
Ob Jung oder Alt,
Ob groß oder klein....
Krank oder Gesund,
Dumm oder Weise....
Die Farbe ihrer Tränen bleiben immer gleich.

Und ein Lächeln, die universelle Sprache...!

Mustafa Çelebi



Kommentare:

  1. Danke - ein schöner Einblick in Traditionen, die sicher auch den meisten Deutschen gut gefallen würden. Ich jedenfalls wäre in so einem Fall nicht so gern dauernd allein..

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaube, ich auch nicht.
      Aber ich weiß auch nicht, ob ich so lange, so viel Rummel um mich herum haben wollen würde...

      Löschen
    2. Nein, aber ein gesunder Mittelweg wäre dann sicher schön. Wollen wir hoffen, dass wir das noch lange nicht brauchen werden..

      Löschen
  2. Das mit der ewigen Totenruhe irritiert mich etwas. Müssen dann die islamischen Friedhöfe nicht irgendwann überfüllt sein, wenn man "ewig" da liegt und nie Platz für "Nachfolger" schafft?
    Und darf ich eigentlich keinen islamischen Friedhof betreten, weil ich nicht in der Lage bin die besagte Sure zu beten? Haben dann Nichtgläubige Menschen generell keinen Zutritt zum Friedhof?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Fragen habe ich mir innerlich auch gestellt. Müsste man mal einen Geistlichen, der mehr Ahnung darüber hat, fragen.

      Aber ich denke mal, dass grundsätzlich natürlich jeder jeden Friedhof besuchen darf (wäre ja NOCH schöner!). Das mit dieser Sure gilt selbstvertsändlich nur für Muslime.

      Löschen
  3. Wirklich ein wunderbares Posting. Dieses übertriebene an "Eurer" Mentalität zeigt sich für mich schon in den Hochzeiten, also warum auch nicht bei der Beerdigung, bzw. in der Trauerphase. Jeder Mensch sollte so trauern dürfen, wie er es möchte. Und wenn es denn unbedingt laut sein muss, dann ist das eben so. ;)

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Klar, zumal es sehr wichtig ist, seine Trauer so ausleben zu können, wie man möchte.

      Löschen
  4. Danke für diesen Einblick, auch wenn er irgendwie einen Kloß im Hals bereitet.

    Wir haben das bisher in der Familie ganz intuitiv so gemacht, alle kommen zusammen und kümmern sich um die enge Familie des Verstorbenen. Soweit das mit der Arbeit vereinbar ist, aber der ein oder andere nimmt sich dafür dann frei, damit niemand alleine sein muss und sich um die alltäglichen Dinge gekümmert wird. Meist war dann einfach jemand "da", aber man konnte durchaus in ein anderes Zimmer gehen und für sich sein.
    Das ist ja auch mehr etwas, was mit der Mentalität und familiären Verbundenheit zu tun hat als mit Religionspflichten ;)

    Ich finde es aber schade, dass bei dem Gebet keine Frauen dabei sein dürfen. Für manche ist so ein Ritus, eine Beerdigung doch sehr wichtig bei der Trauer...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schade find ich es auch, aber wir kennen es nicht anders. Aber letztens war ich auf einer türkischen Beerdigung hier in meiner Stadt, und da waren alle dabei. Mit der Zeit wird alles ein wenig lockerer, und das ist auch gut so.

      Löschen
  5. Der Kern solcher Traditionen ist eine gute Sache, die sich über lange Zeit bewährt hat. auch wenn sie heute manchmal etwas zu ausufernd ausgelebt werden mag.

    Gerade das nicht-allein-lassen finde ich wichtig. Als unser Vater sehr plötzlich gestorben ist, war es meinem Bruder und mir eine große Hilfe, dass (nachdem der erste Trubel überstanden war) ein paar Nachbarn vorbeikamen. Das Reden und das gemeinsame Erinnern hat uns in unserem Schock etwas aufgefangen.
    Ich weiß aber nicht, wie wir es vertragen hätten, wenn fünfundzwanzig statt fünf Nachbarn bei uns "eingefallen" wären. ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn man mit sowas aufwächst, ist es natürlich nicht so befremdlich. Aber ich bin mittlerweile so weit weg davon, dass es auch mir komisch vorkommt, diese ganzen Traditionen.
      Ich denke, spätesten wenn es meine Familie trifft, werde ich es wieder erleben...leider. Hoffe, dass es noch sehr sehr lange dauert bis dahin.

      Tut mir sehr Leid, mit Eurem Vater...

      Löschen
  6. Als eine mir sehr wichtige Verwandte gestorben ist, habe ich alleine trauern wollen. Ich wollte niemanden sehen. Will ich immer noch nicht beim Gedanken an sie.
    Aber jeder so, wie er möchte. Laut oder leise, alleine oder in Gesellschaft...
    Die Frage mit der Überfüllung der Friedhöfe hab ich mir auch gestellt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist wirklich eine ganz subjektive Angelegenheit. Jeder Mensch empfindet anders und lebt seine Trauer so aus, wie er möchte...und das sollte jeder respektieren.

      Löschen
  7. Sehr schön beschrieben, Ayse.
    Ich glaube aber nicht, dass die Friedhöfe irgendwann überfüllt sind.
    Eins der Probleme ist ja der Sarg. Wenn der nicht dabei ist, dann löst sich die menschliche Hülle irgendwann auf. Eigentlich die richtige Auslegung von "Asche zu Asche, Staub zu Staub", oder?

    Lieben Gruß, vany

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hab mal ein wenig recherchiert und genau DAS ist wohl auch der Grund, Vany.
      Aber habe gelesen, falls der Boden feucht, weich und unsicher sein sollte, darf die Leiche auch mit Sarg begraben werden. Ausnahmen werden durchaus zugelassen.

      LG

      Löschen
  8. Danke für Deine Erläuterungen. Es gefällt mir, wie ihr für die anderen daseid. Die ewige Ruhe, das ist ein Aspekt, der mir sehr gefällt, wenn ich da auch die bereits angesprochenen Probleme sehe. Das man bei uns nach 25 Jahren wie Müll entsorgt wird, hat mich schon immer befremdet. Und das Leichengebet - ohne Frauen - , da erübrigt sich wohl ein Kommentar.
    LG
    Filinchen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Habe mich mit dieser Frage mal beschäftigt seit gestern und habe dies hier gefunden Filinchen, schau(t) mal, fand ich sehr interessant:

      http://www.irh-info.de/index.php?kon=projekte&kpf=projib&zeige=bestattung/bestattung

      Gibt wohl doch keine ewige Ruhefrist im Islam.

      Löschen
    2. Irgendwie hat der Link nicht funktioniert, ich habe ihn dann kopiert.

      Unter diesem Aspekt würde ich mich als Muslima im Herkunftsland bestatten lassen. Diese Tradition empfinde ich als tröstlicher.
      Filinchen

      Löschen
  9. Dass man die Trauernden nicht völlig alleine lässt, finde ich eine sehr schöne Sache. Doch, wirklich. Auch, dass es diese regelmäßigen "Nachtreffen" gibt. Ich könnte mir vorstellen, dass das den Trauerprozess etwas "beschleunigt".

    Aber dass Frauen wieder nicht am Leichengebet teilnehmen dürfen...mh. >_>

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Auf jeden Fall, Hijack. Durch die ständige Auseinandersetzung damit, wird die Verarbeitung auch unterstützt, denke ich auch.

      Löschen
  10. Die Idee, nicht alleine trauern zu müssen, gefällt mir. Sehr gut sogar. Weil es so völlig anders ist als die „Trauerbewältigung“ die wir [rede in diesem Fall wirklich nur für mich und meine Familie] uns angewöhnt haben. Da heißt es „Nicht drüber reden, nicht öffentlich trauern und schnell zur Tagesordnung übergehen“. Was natürlich nur oberflächlich möglich ist, während es innen wütet. Ich denke mir, dass eine aktive Trauerverarbeitung besser wäre, aber ehrlich gesagt lege ich auch keinen Wert darauf, das in nächster Zeit … hm… selbst „auszuprobieren“. ;)

    Mal wieder ein sehr interessanter Einblick in eure Kultur und klasse geschrieben. Danke dafür. :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gerne:)

      Ehrlich gesagt, habe selbst ich damit Schwierigkeiten bei Euch. Ich weiß nie so ganz, wie ich richtig reagieren soll, da die Deutschen immer etwas...-wie soll ich sagen- kühler, reservierter sind als wir. Bei uns haben beide Seiten keine Hemmungen, immer und über alles zu reden. Daher fällt es mir bei unseren Leuten leichter, damit umzugehen.

      Aber ich muss es in beiden Fällen nicht haben:)

      Löschen
    2. Na ja, vielleicht liegt das daran, dass viele selbst nicht wissen, was sie in diesem Moment wollen. ;) [So war's bei mir] Einerseits möchtest du nicht ständig darauf angesprochen werden, schon gar nicht dann, wenn du gerade "funktionieren" musst. Andererseits fragst du dich, warum sich die Welt weiterdreht. Schwieriges Thema. Für jeden, der irgendwie damit konfrontiert wird. ;)

      Löschen
  11. super Bericht :-)
    Unser türkischer Nachbarssohn ist gestern im Alter von 24 verunglückt. Unsere ganze Strasse ist seitdem voller Autos, hunderte von Menschen kommen und gehen.
    Bin heute auch hingegangen und habe kondoliert. Habe meinen Nachbarn, den ich kaum kenne intuitiv in den Arm genommen, hoffe, ich bin ihm damit nicht zu Nahe getreten.
    Alles Liebe
    Nina

    AntwortenLöschen
  12. Vielen Dank, dass du uns die Traditionen deines Landes in so vielen Beiträgen näher bringst. Es sind viele sehr schöne dabei ... wie die der Trauer zum Beispiel !

    AntwortenLöschen