Samstag, 27. Oktober 2012

Türkische Hochzeit für Anfänger: Teil 1 - Kennenlernen und um die Hand anhalten




Wie schon angekündigt, geht es heute endlich los.
Das Vorwort dazu, hatte ich ja bereits in diesem Beitrag geschrieben, deshalb fange ich  jetzt direkt an:

Das Kennenlernen der Familien und die "Kiz isteme"-Zeremonie  = Um die Hand anhalten

Da wir Türken sehr an unsere Traditionen gebunden sind, kann ein Pärchen -wie bei den Deutschen- nicht einfach so beschließen zu heiraten -nein!-  sondern der Bräutigam in Spe muß vorher noch folgendes tun:




Er muß mit mindestens seinen Eltern (und evtl. noch mit einigen Familienältesten und guten Familienfreunden),  der Familie der Auserwählten, einen Besuch abstatten. Bei diesem ersten Besuch geht es nicht nur um's Kennenlernen beider Familien, sondern auch um das Anhalten der Hand. Ohne letzteres geht gar nichts.
Sowohl für die Eltern des Bräutigams, als auch für die Eltern der Braut  ist dies notwendig.
Es ist ein Zeichen dafür, dass es dem jungen Mann Ernst ist  mit ihrer Tochter. Denn nur dann, wenn sie da waren und man ihnen den Segen gegeben und das Paar den "Söz yüzügü" = Versprechungsring an den Finger hat, ist es offiziell. Nur dann können sie sich  beruhigt und mit "erhobenen Hauptes" überall sehen lassen, ohne das getratscht wird. Niemand kann sagen, "wir haben eure Tochter mit einem jungen Mann gesehen", denn man kann ihnen dann entgegen kommen mit: "Ja, sie ist versprochen/verlobt, sie werden heiraten" (=näänä näänä näää-näää!) . Denn mit dem Besuch der Familie des zukünftigen Bräutigams, ist ganz offiziell der erste Schritt für die Heirat getan. Somit ist die "Familienehre" erstmal gerettet. SO.




Mit einem wunderschönem Blumenstrauß und Pralinen, schön gekämmt und geschniegelt, macht man sich auf den Weg. Falls sich die Familien zum ersten Mal begegnen, kann so ein Besuch natürlich sehr steif verlaufen. Deshalb nimmt man gerne jemand aus dem Familien- oder Freundeskreis mit, der ziemlich wortgewandt und gesellig  ist. Der soll dann auch möglichst die berühmt berüchtigte  "Um-die Hand-anhalte-Rede" halten. Die mit  Allah, dem Propheten und so.


Das ganze ist für beide Seiten eine sehr aufregende Angelegeheit,  ganz besonders für  die zukünftige Braut und dem zukünftigem Bräutigam. Heutzutage ist aber  alles viel lockerer geworden, der Auserwählte hat seine zukünftigen Schwiegereltern schon meist vor diesem Besuch kennengelernt, sowie die Auserwählte auch.
Und wir Türken sind ja meist ein herzliches und lockeres Volk, was das Kennenlernen angeht. Da werden zwar gleich sofort herzliche Gespräche geführt, ABER in dieser Situation wird natürlich alles etwas kritischer beäugelt als sonst. Denn hier geht es darum, was für eine Familie die Zukünftige/der Zukünftige hat, mit was für eine Familie man es zu tun haben wird in Zukunft.
Dass bei der einen Seite die Eltern geschieden sind z.B., kommt bei der anderen nicht unbedingt so gut an (meine armen Söhne, tsss..) und  die Familie sollte auch möglichst die gleiche Religion haben (von wegen Aleviten, Sunniten etc.) , von einer anderen Nationalität ganz zu schweigen.
Aber es gibt natürlich auch Menschen , die so eingestellt sind wie ich (kann ich für uns auch nur hoffen). Also liberal und locker d'rauf. 

Nach einer  "Nasilsiniz? - Tesekkür ederiz, siz nasilsiniz?" - Wie geht's? Danke, gut, und Ihnen? - Runde (siehe hier , in diesem Video geht es übrigens auch um so einen Hand-anhalte- Besuch ) und anfänglichem Small-Talk über Allah und die Welt, fängt der auserwählte Redner dann endlich  an mit seiner ehrenvollen Aufgabe. Dieses Gespräch sieht in der Regel immer wie folgt aus. Stellen wir es uns doch wie in einem Storyboard vor. Action!:

-Der Redner im Bild-

-So..ähm...nun...der Grund unseres heutigen Besuches ist ihnen bekannt....

-Schnitt- Kamera auf Eltern der Brautfamilie gerichtet- bedächtige Stille- nervöse Gesichter-

-ja....*murmel* ...*räusper*...*hüstel*...

-Schnitt- Kamera wieder zurück auf den Redner-

-diese beiden jungen Menschen, haben sich kennengelernt, haben sich wunderbar verstanden und sich ineinander verliebt. Wir möchten nun hiermit , im Auftrag Allahs und der Zustimmung des Propheten, für unseren Sohn Murat, um die Hand ihrer Tochter Hülya anhalten...

-Schnitt- Mutter der Braut-
-Schnitt-Braut, die sich in der Küche befindet und völlig aufgeregt lauscht-
-Schnitt-Bräutigam, dem ab jetzt das Herz stillsteht-
-Schnitt-Vater der Braut, mit Schweißperlen an der Stirn-
-Schnitt-Mund des Brautvaters, der  krampfhaft versucht zu antworten-
(Hintergrundmusik:  Herzschlag)
-Schnitt-erwartungsvoll wartende Augenpaare der Anwesenden-
-Schnitt-Brautvater öffnet den Mund und setzt zur Antwort an-

(völlige Stille)

-Ähm...ja...wenn die beiden sich schon geeinigt haben und sich lieben...bleibt uns nur, sie zu unterstützen und ihnen Glück zu wünschen..

-Schnitt-Brautmutter-

-ja..möge Allah das Beste daraus machen...möge es ein glückliches Ende geben...

(eine herzzerreißende Happy-End-Musik)

-Schnitt- erleichterte und glückliche Gesichter-



Dieses Gespräch fängt natürlich erst dann an, nachdem die Braut den Mokka für alle gekocht und serviert hat. Hätte ich beinahe vergessen, sorry.  Je mehr Schäumchen der Mokka hat, desto mehr Pluspunkte für die Braut. Denn das zeigt, dass sie auch  eine fähige Hausfrau sein wird (Mhh..nee iss klar..)

Der Mokka wird von der Braut, an  jeden einzelnen serviert, angefangen von der ältesten Person, bis hin zu der jüngsten. Ich fand's damals schrecklich, meine Hände zitterten und ich fühlte mich von allen beobachtet-was ja auch so war.

(Fotos: Internet , saadetiblog.com )

Ein lustiger Brauch dazu, ist folgender:

Der Mokka für den Bräutigam wird von der Braut extra gekocht. Denn der wird mit Salz gekocht, statt mit Zucker. Der Bräutigam soll es trinken, ohne sein Gesicht zu verzehren, schon gar nicht darf er es  ablehnen. Denn das wäre ein absolutes no-go. Nur wenn er es brav austrinkt, ist es ein Zeichen dafür, dass er willensstark, angepasst und geduldig ist.


Den fertigen, löslichen Salzkaffee gibt es in der Türkei zu kaufen: "Damat" Bräutigam-Kaffee, 2 in 1. Netter Gag von Nescafe, oder?


Nicht immer, aber meistens nimmt man gleich die Versprechungsringe mit, zu diesem Besuch. Natürlich nur dann, wenn man vorher schon weiß, dass die Familie der jungen Frau nichts gegen diese Verbindung haben wird. Das Paar ist in diesem Fall der Vermittler zwischen beiden Familien. 
Am gleichen Abend kommen dann die Ringe , ganz feierlich an die Finger und  der Weg zur Hochzeit ist somit offiziell eröffnet. 
Den Versprechungsring bringt die Familie der Braut mit, somit sind sie für den Kauf verantwortlich. Die Verlobungsfeier ist komplett die Sache der Brautfamilie. Alle Kosten und Organisationen, werden von ihnen übernommen. Die Hochzeitsfeier wiederum, geht auf Kosten der Bräutigamfamilie. An dem Abend wird evtl. auch über das Datum der Verlobung und der Hochzeit gesprochen






Manchmal reicht auch nur die Versprechungszeremonie, die Verlobungsfeier erspart man sich. Aber die meisten Familien möchten doch schon eine Verlobung feiern...und die fällt in der Regel auch nicht gerade bescheiden aus. Aber dazu , beim nächsten Mal.

Schalten Sie auch dann wieder ein, wenn es heisst:

-Für unsere Tochter , ist uns eben nichts zu teuer!
-Pöh..wartet mal die Hochzeit ab, dann werdet IHR Augen machen, was unser Sohn uns Wert ist!


Kleiner Tip am Rande: Der Film "Evet (=ja) , ich will"  ist zwar schon einige Jahre alt, aber absolut sehenswert. Es geht um die Heirat von einem Deutschen mit einer Türkin, mit all den Bräuchen. Und diese Hand-anhalte-Geschichte wird in diesem Film sehr lustig dargestellt. Schaut doch wenigstens mal in diesen Trailer rein,es  lohnt sich!







Kommentare:

  1. Der Trailer ist ja der Knaller. Ich glaube, ich leihe mir die DVD aus. ;D

    Ähm ja und zu dem ganzen Procedere... Man muss wohl in diesen Kulturkreis hineingeboren sein, um das so durchziehen zu können. Für mich wäre das doch extrem befremdlich.

    Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

    LG

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    1. So ist es in der Tat Manu, man muss da hineingeboren sein. Selbst dann ist einem manchmal noch alles zu viel, glaub' mir.

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  2. Was ich ja an sich schon bemerkenswert finde ist, dass sich die Familien noch nie gesehen haben und dann raus kommt, dass Murat und Hülya sich kennen und lieben gelernt haben. Was ja darauf schließen lässt, dass es keine sog. Zwangsheirat wird :)

    Sehr interessantes Posting. Ich bin gespannt, wie es weiter geht :)

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    1. Ne nee, Zwangsheirat soll es wohl noch in einigen Ecken unseres Landes geben, aber ist sehr selten. Natürlich gibt es Extreme. Es gibt Familien, wo es noch strenger hergeht, aber auch Familien, die völlig modern und locker sind.
      Das was ich erzähle, ist einfach die Regel, bzw. der Durchschnitt.

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  3. Nur ich nehm' Kakau ... mit Tzaaahne, wenn's geht

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    1. Du kannst auch gerne Schafskäse bekommen. Die türkische Gastfreundschaft, kennt ja bekanntlich keine Grenzen:)

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  4. Hahaha, der Trailer. Ich habe mich gerade weggeschmissen hier. :)

    So ein Familientreffen stelle ich mir arg anstrengend vor. Generell dieses Korsett aus Verpflichtungen; was man da alles beachten muss. Heftig.

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    1. Und wie. Die Familien immer fix und fertig, nach solchen Besuchen. Hat aber trotzdem auch irgendwie was schönes, aufregendes...wie Manu schon erwähnte, muss man dafür in diese Kultur reingeboren sein.

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  5. Köstlich, Dein Beitrag und auch der Trailer. ........und so einen dicken Klunker hätte ich auch gerne gehabt; ich bezeifle allerdings, daß meine Familie mir so einen spendiert hätte.

    Übrigens: Kaffee mit Salz kenne ich nur als Brechmittel.

    Liebe Grüße
    Filinchen

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    1. Der Bräutigam, der sowas serviert bekommt, ist wirklich nicht zu beneiden:) Fies ist das.

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  6. Das ist echt ganz schön heftig, dass die Familien da auch zustimmen müssen. Was ich mich aber frage: Irgendwo müssen sich ja Murat und Hülya kennen und lieben gelernt haben - wie geht das, ohne dass die Ehre verletzt worden ist? Weil wenn sie da jemand in nem Cafe gesehen hat und dieses "Wir haben eure Tochter mit einem jungen Mann..."-losgeht, das ist doch schließlich zu verhindern?

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    1. Du, als Pärchen findet man immer eine Möglichkeit, sich heimlich zu treffen.
      Und solange sie sich nicht händchenhaltend oder schmusend irgendwo blicken lassen, kann man sich für Zuhause immernoch irgendwelche Ausreden einfallen lassen..."ein Schulkamerad" o.ä. (meine mich noch wage erinnern zu können *hüstel* )

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  7. Cool, vielen Dank für die lustigen Beiträge! :)

    Die haben mir doch ein bisschen Anspannung genommen, denn mir (und meinen Eltern) steht genau das Gleiche in wenigen Tagen bevor...

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    1. Echt? Cool! "Wer" seid ihr denn dann? "Kiz tarafi" oder "erkek tarafi"? Bist Du die Braut oder der Bräutigam? Aber eins ist ja klar: Ist BEIDES aufregend.
      Viel Glück und Erfolg wünsche ich!:)

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  8. Liebe Aysenputtel

    Ich finde deinen Artikel super.

    In meiner Abschlussarbeit vergleiche ich die türkische Hochzeitsbräuche mit der tschetschenischen. Leider finde ich kein Buch über die türkische Hochzeitsbräuche. Ich habe zwar viel im Internet darüber gefunden, aber ich brauche ein "Dokument", also ein veröffentlichtes Buch oder so etwas. Kannst du mir Tipps geben? Wäre echt lieb von dir.
    Lg Aischa

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  9. Wie schaut es eigentlich aus wenn ein deutscher mann/junge ein türkisches Mädchen kennenlernt bzw ihre Eltern wie finden das die türkischen Eltern so?

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  10. Findet eigentlich auch ein Besuch beim Bräutigam statt, um zu sehen, wie er wohnt und wohin die Braut zieht? Und wie ist es mit den Finanzen des Mannes? Wird geprüft, ob er eine Familie ernähren kann? Einkommen, Arbeit, usw.?

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