Sonntag, 17. Juni 2012

Mohrenköpfe... oder die längst verlorene Kindheit


"Probier doch mal diese Mohrenköpfe hier...die sind wirklich lecker!" 

Ich schaute die lächelnde,nette , junge Dame an und schaute danach auf diese dunkelbraunen , rundlichen Dinger, die sie mir ans Herz legte. An diesem Tag wusste ich noch nicht, dass Sie mir wirklich ans Herz wachsen sollten.

12 Jahre ware ich alt und hatte schon zuvor diese Mohrenköpfe gesehen, war aber nie neugierig auf ihren Geschmack. Sie sahen so unspektakulär, so "langweilig" aus. Spätestens dann hatte ich gelernt im Leben, dass man nicht immer nur nach dem Äußeren schauen sollte, auch wenn das Auge nun mal mitaß...

Ich kaufte noch ein paar verschiedene Kuchenteilchen und brachte sie nach Hause, wo meine Mutter schon wartete. Sie bekam nämlich spontanen Besuch und wollte den Gästen noch was Süßes zum Nachtisch anbieten. Weil... ob angekündigter oder spontaner Besuch, Essen aufgetischt wurde immer bei uns.


Zu meiner Mutter sagte ich, dass "das braune da" meins war und ich es für mich gekauft hatte.
Ich wunderte mich selbst, warum ich mich hatte überreden lassen von der Verkäuferin, wo doch die anderen , bunten Torten für mich doch viel einladender aussahen.

Ich werde nie den ersten Augenblick vergessen, als ich diese süße Sünde auf meiner Zunge und im Gaumen spürte und das Erste  was in meinem Kopf vorging: "Boah....ist das lecker! Warum habe ich es bis jetzt nie entdeckt?"

Man kennt Mohrenköpfe ja bekanntlich auch unter den Namen "Negerküsse". Aber der Leser sollte jetzt nicht glauben, dass ich hier über "Negerküsse" schreibe, nein!

"Meine" Mohrenköpfe waren was ganz anderes. Von der Form her sahen sie fast so aus wie eine "Kuppeltorte". Wie ein halber Ball. Der glatte Boden aus dünnem Mürbeteig, darüber ein Kuchenteig...wie eine Kugel und mittendrin eine leckere Sahnepuddingfüllung. Und über das ganze eine sündhafte Schokoglasur. Ein Traumgenuß... 


Diese Leckerei wurde mit den Jahren zu meinem Favoriten. Ab und an , auf meinem Nachhauseweg von der Schule z.B., kaufte ich mir immer wieder mal eins. Ich liebte diese Mohrenköpfe!

Die Jahre vergingen...ich wurde ein großes , junges Mädchen...aber diese Konditorei und meine Mohrenköpfe gab es immer noch.
Ich heiratete, zog in einen anderen Stadteil um. Ich wurde Mutter...die 80'er...die 90'er... ich wurde noch einmal Mutter....und es gab sie immer noch.
Immer wenn mir danach war, fuhr ich in dieses Stadtteil meiner Kindheit, in unsere Konditorei und kaufte mir diese Mohrenköpfe. Manchmal staunte ich selbst, daß es sie immer noch gab.
Denn auf dieser langen Einkaufsstraße änderten sich mit der Zeit alle Geschäfte und Läden. Viele aus meiner Kindheit gab es nicht mehr. Jedesmal wenn ich dort hinfuhr, sah ich eine andere Veränderung in der Umgebung...aber meine Konditorei mit meinen Mohrenköpfen gab es immer noch!..... Es tat so gut, das zu sehen.


Dieses Bekannte, dieses Vertraute...dieser Teil meiner Kindheit, die mir blieb...es war schön zu wissen, das es immer da war.

Zuletzt war ich vor 3 Jahren dort und kaufte sie mir erneut. Bei jedem Biss geriet ich in Träume und Erinnerungen... es war schon wie eine kleine Zeitreise jedesmal.

Letzte Woche, als ich zufällig in der Gegend zu tun hatte, freute ich mich schon d'rauf, auf dem Rückweg dort vorbeizufahren.

Als ich den Laden betrat, spürte ich schon irgendwie, dass es diesmal anders war. Das Torten und Kuchensortiment war nicht mehr so vielfältig ...Es sah alles nicht mehr so schön und einladend aus und irgendwie.....anders.

Als ich die junge Verkäuferin , die ich zum ersten mal sah, nach Mohrenköpfen fragte und sie mir antwortete, dass es sie leider nicht mehr gibt, hörte ich mich nur selber sagen: "Aber...die gab es schon immer... seit meiner Kindheit......schade....." 
Ich schaute mich beim Rausgehen noch einmal um in dieser Konditorei, die beinahe geschrumpft war und die eigentlich schon längst gar nicht mehr so groß und beeindruckend aussah, wie in meiner Kindheit...

Ich schluckte...beim Rausgehen und auf dem Weg zu meinem Auto hatte ich irgenwie einen Kloß im Hals.

In meinem Kopf hatte ich das Bild, dass ich beim nächsten Mal statt dieser Konditorei, vielleicht ein Internetcafe oder einen Handyladen dort auffinden würde....aber ich würde ja eh nicht mehr dort hinfahren... es gab sie ja nicht mehr, meine Mohrenköpfe.


Im Auto, auf dem Rückweg verdrückte ich eine Träne.

Aber Gott weiß....es war nicht wegen den Mohrenköpfen... 





(Dies schrieb ich vor 6 Jahren. Seit ein paar Jahren wohne ich wieder dort in der Nähe, 500 m von dieser Konditorei entfernt. Die Konditorei gibt es nicht mehr. Es ist jetzt ein "1-Euro-Laden"....)

Kommentare:

  1. Mir erging es genauso:
    Die Konditorei meiner Kindheit hat letzten Monat für immer geschlossen.
    Nie mehr die berühmte Eissplittertorte und die megaleckeren Mohrenköpfe.
    Aber: ich habe beides selbst ausprobiert und auch einigermaßen ähnlich schmeckend hinbekommen. Wenn Du willst, kann ich Dir das Rezept zusenden.
    (Ist aber auch im INet zu finden).

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  2. Danke, das ist sehr nett von Dir, aber ich habe tatsächlich Rezepte im Internet gefunden. Hab mich nur noch nicht rangetraut...denn ich weiß, ich werde enttäuscht sein. Mal sehen, wann ich es wage.

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  3. Ich muß leider gestehen, daß ich seit Jahrzehnten keine Bäckerei mehr von innen gesehen habe, aber in meiner Kindheit gab es Negerküsse (was man heute nicht mehr sagen darf) und Mohrenköpfe (was man noch sagen darf). Ersteres waren die mit Eischnee gefüllten Schokoküsse und das andere mehr eine Art Gebäck. Dann gab es noch die Grantsplitter, die in meiner Erinnerung ähnlich schmeckten. Lt. Google müßte es die Granatsplitter (die allerdings immer anders ausfallen) noch geben.

    Ich frage mich auch, wie lange man den martialischen Begriff Granatsplitter noch verwenden darf. Auch der Name des Gebäcks, das ich mir als Kind leisten konnte, weil es nur einen Groschen kostete, der "Amerikaner" wird vielleicht auch mal umgetauft.

    Filinchen

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  4. Ich bin um eine entdeckung reicher: bei uns in der nähe hat ein neuer supermarkt eröffnet, in dessen "windschatten" sich auch eine bäckerei mit einem kleinen café angesiedelt hat.
    und da gibt es nun, wenn auch nicht immer: mohrenköpfe!!! jaaa, mohrenköpfe, die dinger aus meiner kindheit, die an keinem gedeckten kaffeetisch bei uns zu hause fehlen durften. die uns das leben versüßten und von denen man nie genug haben konnte.
    wir hatten damals einen sehr guten bäcker ums eck, der diese sagenhaften dinger hervorragend buk, so wie kein anderer in der gegend. nur im café von einem großen kaufhaus in der city (karstadt) gab es sie noch, wenn auch etwas anders, aber auch gut schmeckend. da ich als kleiner junge oft mit meiner mutter in der stadt weilte, gab es immer kaffee und kuchen...für mich natürlich.. siehe oben.

    dazu eine kleine anekdote:
    ich erinnere mich an einen wochenendtag, an dem meine eltern uns kinder - meine kleinere schwester und mich - für einen nachmittag und für eine folgende nacht alleine ließen. da ich ja schon "groß" war - ich muss so um elf, zwölf jahre rum alt gewesen sein - trauten sie uns das alleinbleiben zu. ging auch ganz gut. bis auf das von uns recht individuell gelöste ernährungsprogramm. ich bekam also von meiner mutter ganze fünf mark, was damals ein haufen geld war, damit wir und auch mal etwas "süßes" oder ein paar brötchen oder so kaufen konnten. gesagt getan, nach kurzer überlegung - meine kleine schwester wurde auch "überzeugt" mitzuziehen - ging unser gang zum bäcker und wir setzten die ganzen fünf mark in mohrenköpfe um!
    dafür gab es dann immerhin 15 stück(!) von diesen prachtdingern. ein wahnsinns-bild damals: der ganze kühlschrank voller mohrenköpfe! natürlich schafften wir es nicht, dagegen anzuessen. schwesterlein machte schon nach zwei dingern schlapp, zum frühstück wollte sie auch keinen mehr, und ich hielt mich zwar etwas wackerer, aber es blieben noch genug übrig... unsere eltern jedenfalls haben sich köstlich amüsiert.
    ich hatte danach erstmal für ein paar tage genug von..mohrenköpfen. aber das hielt natürlich nicht ewig vor.
    tja, und heute kostet so ein mohrenkopf sage und schreibe € 1,65, damals bekamen wir den für 35 pfennige, aber is´ eben auch lange her, war so in den sechzigern...

    nun hab ich sie eben nach langer zeit wieder entdeckt. das tolle ist: sie schmecken genau wie früher! ich gönne mir diesen genuss immer mal zum wochenende, und hab bei diesem bäcker jetzt ein "abonnement" laufen: jeden freitag hole ich mir drei stück ab.
    also, liebes ayşenputtel, wenn du bedarf hast, dann melde dich. ich denke, die dinger kann man auch gut verschicken ;-)
    mit grüßen
    w.

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    1. Oh, ein "Leidensgenosse" !
      Vielen Dank für diesen Kommentar und die reizende Anektode, fand ich sehr interessant...und danke für das freundliche Angebot!:)

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