Montag, 11. Juni 2012

"Hallo Nachbar!"



Wenn es heute heißt: "Früher war alles viel besser, sogar die Nachbarschaften" denke ich mir, "Nö."

Denn bei meinen Eltern, in der Türkei -im Dorf- , ist es immer noch so wie früher. Also fast.
Ist es also nur eine Frage des Großstadtphänomens? Hat es etwa doch nicht mit der Zeit und den Menschen an sich zu tun?
Aber wenn ich es mir ganz genau überlege, dann war es früher schon schöner, herzlicher, authentischer.
Bei uns (also unter Türken)  ist es mit der Nachbarschaft immer so gewesen, dass man sich gegenseitig was geschickt hat, von dem was gekocht/gebacken wurde. Mal ein Stück Kuchen hier, mal eine Portion Fladenbrote da. Als Kind musste ich immer etwas davon zu unsere "Omma Strempel" bringen, unsere Nachbarin, die unter uns wohnte. So eine liebe Frau...ich vermisse sie  heute noch...möge sie in Frieden ruhen. Sie freute sich immer darüber....und wir freuten uns immer über den Kuchen, den sie uns brachte. Das waren die besten Kuchen, die ich in meinem ganzen Leben gegessen habe...


Wir hatten auch griechische Nachbarn. Ich und meine Mama fanden sie toll. Mein Vater allerdings verhielt sich am Anfang eher reserviert ihnen gegenüber (um es mal vorsichtig auszudrücken). Meine Mutter und ich hatten schon Angst, dass er bei jeder Begegnung die türkische Fahne hochhalten und mit einem Bild von Atatürk die türkische Nationalhymne singen würde.

-Unsere Großväter haben sich seinerzeit den Arsch  aufgerissen um den Feind, der unser Land besetzt hat in's Meer zu werfen  und ihr schickt denen jetzt Lahmacun?? Die werden sich im Grab umdrehen wegen Euch!
-ach hör doch auf Ali!....
-Papa, wir werden sie füttern und mästen, bis sie gaaanz dick und fett werden und platzen. Wär' das nix?
-ach macht doch was ihr wollt....*grunz*

Es brauchte seine Zeit, bis wir meinen Vater von dem "die Griechen sind unser Feind-Trip" losreißen konnten.  
Immer wenn mein Vater im Garten dem Nachbarn zurief: "Hallo Costa, komma hiye Kumpel! Wir zusammen trinken einen Raki heute Abend, ne?!"  mussten meine Mutter und ich zufrieden schmunzeln. Haaach... "ein bisschen Frieden" war schon ne tolle Sache.



Bin seit ein paar Jahren in meine jetztige Wohnung umgezogen, aber vorher hatte ich einen Nachbarn direkt nebenan im Haus, der mir das Leben manchmal wirklich  schwer machte. (Meine jetzige Nachbarn sind übrigens super - Martinaaa, isch lieb diiisch!- )
Ich bin ja schon eine verantwortungsvolle, ordentliche Frau, aber ich werde es nie verstehen, warum man die Treppen  im Treppenhaus vielleicht mal nicht am vorgegebenen Tag, sondern evtl. einen (oder wenn's mal ganz schlimm kommt mehrere ) Tag(e) später putzen kann. Halloo?! Vielleicht geht's da grad mal nicht, weil was wirklich wichtiges dazwischen gekommen ist? Warum müssen manche Deutsche (vor allem Rentner) immer sooo penibel und erbarmungslos sein? Hä?

Nur mal ein Beispiel von einem Dialog, den ich mit meinem ehrenwertem Nachbarn damals hatte:

Eines morgens in der früh, als ich vom Nachtdienst nach Hause komme
Ort: Unser ehrenwertes Treppenhaus

-Frau "Dingenskirchen!!" (Name von Redaktion geändert)
+Herr Müller- Lüdenscheidt! *augenverdreh*
-Ihre dummen Witze können sie sich sparen!
+ Ihnen auch einen wunderschönen guten Morgen. Es ist immer wieder schön, den Tag mit Ihnen zu beginnen. Bitteschön, sie wollen mir was sagen?*klimperklimper*
-Ist ihnen nichts aufgefallen?
+Sie haben eine neue Frisur?? (Anmerk. d. Red. : Der Herr hat eine Glatze)
-grmpff!  Sie haben das letzte mal die Treppen nicht geputzt!
+Tut mir sehr leid, ich war das letzte mal im Krankenhaus und wurde operiert.
-Das interessiert mich nicht, die Treppen müssen geputzt werden!
+Ok, das nächste mal werde ich dem Chirurgen sagen: Herr Doktor, ich wurde zwar erst gestern operiert, aber kann ich heute schon nach Hause? Ich bin nämlich d'ran mit Treppenputzen.
-*grunz* das interessiert mich nicht! Sie haben dafür zu sorgen, dass die Treppen geputzt sind!
+ Heil!! (den Arm nach oben haltend...ihr wisst schon..)
- !!!!....   -ab-

 Egal ob man Nachbarn sind, Freunde, Familie etc., egal wie weit man voneinander wohnt oder entfernt ist. Ob es Türen  oder Landesgrenzen sind, die uns trennen. Berührungsängste und Vorurteile sind schon was schlimmes...

Es gibt da so ein Gedicht von dem türkischen Dichter, den ich sehr mag. Da heisst es:

En uzak mesafe

En uzak mesafe ne Afrika'dir
Ne Cin
Ne Hindistan
Ne seyyareler
Ne yildizlar, geceleri isildayan

En uzak mesafe, iki kafa arasindaki mesafedir
Birbirini anlamayan....

Die weiteste Entfernung ist weder Afrika,
noch China
noch Indien
noch Planeten
noch Sterne...sie lassen sich funkelnd aus der Nacht ersehen;

Die weiteste Entfernung ist in den Köpfen zweier Menschen,
welche sich nicht verstehen...

(Can Yücel)


In dem Sinne, auf gute Nachbarschaften! 

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