Dienstag, 12. Juni 2012

Dunkel war's...der Mond schien helle...




Wenn ich an meine Kindheit denke, merke ich immer wieder, wieviel Platz die Urlaube in meinen Erinnerungen einnehmen. Urlaub hieß für mich (heute fast immer noch) : Heimatdorf. Die Tage und Wochen in der "Heimat", wo meine Eltern aufgewachsen waren, all unsere Verwandten, Großeltern, Tanten, Onkels, Cousins und Freunde lebten. 
DAS war der Ort, zu dem es uns immer hinzog und das war der Ort, zu dem man früher oder später zurückzukommen hatte. Es war/ist schließlich der Ort, an dem wir alle irgendwann mal begraben werden würden. 
Ist es das? Ist "Heimat" der Ort -und wird es deshalb so genannt- , wo unser Grab stehen wird? Zu dem man lebend oder tot, früher oder später "zurückkehrt"?.... 



Urlaub , in der Türkei zu sein, bedeutete für mich: Eine andere Welt. Aber das faszinierende dabei war es, dass es eine Welt war, die urvertraut aber fremd zugleich war. Vertraut und fremd zugleich.... 

Der Vergleich zu Deutschland, zu unserem Leben hier, war so dermaßen groß. 

Dort zu sein bedeutete anderes Essen, andere Tischordnungen . Meistens saß man auf dem Boden, nicht auf Stühlen, am Tisch. Man versammelte sich um den großen "Tepsi" (ein grosses, silbernes Tablett), oder einem niedrigem, rundem Holztisch, dass auf ein "sofra yaygisi" (großes Ess-Tuch) gestellt wurde. Die Knie unter dem Tuch versteckt, damit die Krümel sich darauf versammeln konnten und man das Tuch nach dem Essen einfach nur aus dem Fenster ausschlagen brauchte. Aber möglichst auf einen Ort, wo man nicht mit den Füßen entlanggeht und die Brotkrümel betritt, denn das war "günah" (Sünde). 




Es gab so viele Dinge, so viele Ereignisse, die es ausmachten, dort zu sein. Zum Beispiel, dass auch ständig das Wasser ausfiel. "Sular kesik" (Das Wasser ist abgestellt) , waren Worte , die man (besonders in den 70'ern, 80'ern, 90'ern) dort ständig hörte. Wie ärgerlich es war, wenn man grade badete oder spülte und plötzlich das Wasser nicht mehr lief, kann sich wohl jeder denken, auch wenn er sowas noch nie erlebt hat. 
Und.... dazu gehörte auch sehr ,sehr oft eins: "Ceyranlar gitti" . Der Strom ist weg.

Da saß man abends gemütlich vor dem Fernseher, den es in den späten 70'ern noch nicht in jeder Wohnung gab. Fast jeden Abend kam deshalb Besuch, man versammelte sich immer bei denen, die einen Fernseher hatten. Ganz besonders an Abenden, an denen es einen berühmtberüchtigten "Yesilcam"-Film (alte türkische Kitsch-Filme) zu sehen gab.

Dann fing es für mich erst an , aufregend zu werden als Kind. Sofort wurde nach der "Gaz Lambasi" oder "Lüküs" gesucht (Gaslampe). Man fing an sich wieder zu unterhalten, die Frauen erzählten Geschichten, manchmal ziemlich mystische und teilweise gruselige... ich hörte immer faszinierend zu. 



Wenn wir alleine zu Hause waren, sagte meine Mutter meistens: "Zähl mal bis 100...bis dahin ist der Strom vielleicht wieder da." Manchmal musste ich bis 100 zählen, manchmal nur bis 50...und manchmal bis "hunderttrillionentausend"........

Ich fragte meinen großen Bruder, der ja immer alles wusste (Klugscheißer), warum denn bei den Autos das Licht an war. Er sagte dann: "Weil die ein Akku haben" Ich wollte dann immer weiterbohren, "und warum haben wir keins? Warum geht beim Akku der Strom nicht aus? usw." Aber aus Erfahrung wusste ich, man sollte seinen großen Bruder nicht immer alles fragen, was man möchte.

Diese unerträgliche Leichtigkeit der Dunkelheit....
Manchmal war es sehr bedrückend, manchmal aber auch wirklich erleichternd... alles war plötzlich wieder so primitiv. Wie das Höhlengleichnis von Platon.... sogar unsere Schatten mussten wir ertasten...wir waren alle wieder "Menschen".... Menschen, die der Dunkelheit ausgeliefert waren. Die sich näher kamen...sich und alles ertasten mussten....der Versuch zu "erkennen", zu "sehen"...und somit auch wieder dem "Mensch sein" näher kamen...

Dunkel war's....nur der Mond schien helle.... 
Heute kommt es nur noch sehr selten vor, dass es plötzlich dunkel wird. Stromausfälle sind im Vergleich zu früher natürlich eine Seltenheit.
Aber ich vermisse manchmal immernoch die "Helligkeit" in den Köpfen der Menschen... oder in den Herzen. 

Hoffe, dort wird es nie dunkel.... 

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